Archiv für Natalie Portman

Goyas Geister

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , on Mittwoch, 2. Juli 2008 by mediensucht

Goyas Zeit

Das größte Problem des Films Goyas Geister ist sein Titel und die damit verbundenen Erwartungen. Im eigentlichen Sinn stimmt der Titel, doch verleitet er dazu, einen Film direkt über Goya als zentrale Figur zu erwarten, doch falsch: Goya spielt nur eine sekundäre Rolle. Wer Regisseur Milos Forman kennt, der weiß, dass seine Biopics nie das Sezieren der Seele einer Person zum Inhalt haben, sondern vielmehr immer gesellschaftskritisch eine vergangene Zeit auf die unsere Zeit übertragen. Ging es in AMADEUS noch um Popkultur und Berühmtsein mit dessen Vor- und Nachteilen, war es u.a. die Doppelmoral in LARRY FLINT und auch im MONDMANN.

Francisco de Goya als Person war für seine Umwelt wenig interessant. Er malte Bilder für Jeden, der ihn dafür bezahlte. Politische Ansichten schienen ihm egal gewesen zu sein. In seinen Briefen und Tagebüchern wies nichts auf einen widerspenstigen Geist hin. Nur im Verborgenen fertigte Goya seine Karikaturen der Zeit an. Warum nimmt sich also Forman diesen Mann als Titelfigur? Goya eigne sich ausgezeichnet als Zentrum, in dem die Mächtigen und die Machtlosen zusammenkommen, da er beide gemalt hat, sagt Forman in einem Interview. Dieses Spiel der Macht ist interessant für Forman … und für mich als Zuschauer auch.

Die politischen Verhältnisse der Zeit Goyas sind äußerst interessant und spannend. Die spanische Inquisition steckt in einer „Sinnkrise“, in Frankreich werden neue Gedanken populär, die später mit Militärgewalt in ganz Europa durchgesetzt werden sollen. Goya (Stellan Skarsgård) dient Forman, wie gewollt, als Zentrum, in dem alle Fäden zusammenlaufen. An den anderen handelnden Figuren erzählt Forman die Schicksale, die üblich für die Zeit waren. Die unschuldig in die Inquisition geratene Adelstochter (Natalie Portman), der sie mit allen Mitteln retten wollende Vater (Jose Luis Gomez) und der skrupellose Wendehals Lorenzo (Javier Bardem), der seine Fahne immer nach dem Wind hängt. Auch hier gibt Forman nur soviel Seele der Figuren preis wie für die Geschichte notwendig. Es ist nicht notwendig, den innersten Charakter einer Figur zu verstehen. Forman geht davon aus, dass in der damaligen Zeit (und auch heute), jedem ein ähnliches Schicksal hätte widerfahren können – eben unabhängig von der Person.

Milos Forman nimmt weiterhin an, dass sich Geschichte wiederholt. Dieser Gedanke ist nicht unüblich und durchaus statthaft. So gibt es auch heute immer noch Folter, bei der Menschen Alles gestehen, zu dem sie genötigt werden. Auch gibt es Nationen, die denken, sie könnten ihre „freiheitlichen“ Gedanken mit Gewalt in andere Länder tragen, ohne dass sie hochkantig wieder hinausfliegen. Genauso erging es Frankreich zu Goyas Zeiten. Nach einem kurzen Intermezzo musste Napoleon wieder abziehen, da er das wirkliche Spanien und seine Menschen nicht kannte.

So ist GOYAS GEISTER ein äußerst politischer Film, der historische Ereignisse so zeigt, dass sie im Zuschauer Assoziationen hervorrufen, ihn zum Reflektieren unserer Zeit anregen können. Mir erging es zumindest so. Es ist nun aber nicht so, dass Forman Goya und dessen Charakter angesichts der historischen Ereignisse völlig außer Acht lässt. Goya versucht seine Feigheit damit zu kompensieren, in dem er Anstrengungen unternimmt, Inés in ihrer unglücklichen Lage zu helfen. Sie ist nicht etwa eine klassische Muse für ihn, sondern vielmehr ein Fixpunkt, seine Schwäche zu unterdrücken und Stärke zu finden. Doch auch hier sind seine Bemühungen halbherzig. Die einzige wirklich ehrliche Ausdrucksweise bleiben seine Bilder. Dort kann er nicht anders, als die „Wahrheit“ zu offenbaren. So malt er eben die Königin so hässlich, wie sie ist.

GOYAS GEISTER ist aber leider einiges von einem Meisterwerk entfernt. Insgesamt fehlte es der Geschichte an Kraft, um endgültig zu beeindrucken. Das schaffen nur einzelne Szenen. Auch gefiel mir Bardem am Anfang des Filmes überhaupt nicht. Ich kann mir sein Spiel nur so erklären, dass er die innere Unzufriedenheit Lorenzos besonders zu betonen versuchte, was allerdings eher nach Overacting aussah. Im späteren Verlauf mit dem Wandel der Figur gab sich dieses Problem. Natalie Portman hat mich dagegen wieder beeindruckt. Ihre Wandlungs- und Leidensfähigkeit ist hier sehr sehenswert.

Wer eine detaillierte Biographie Goyas erwartet, ist bei GOYAS GEISTER falsch. Auch werden keine Bilder Goyas analysiert, wie es zuletzt im MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING mit einem Bild von Vermeer zu sehen war. Vielmehr ist der Film ein interessantes und äußerst politisches Gemälde von Goyas Zeit.

Advertisements

Garden State

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , on Donnerstag, 8. Mai 2008 by mediensucht

Wo wir gerade bei Lieblingsfilmen sind … sind wir nicht? Trotzdem: Einer meiner Lieblingsfilme ist Garden State von Zach Braff. Der ist nämlich total schön (nicht Braff, sondern der Film!). Um es aber mal mit ein paar mehr Worten zu schreiben (Spoilerwarnung):

Wow! Man ist überrascht und fasziniert, was aus diesem Typen, der bei SCRUBS eher naiv trottelig daherkommt, an Genialität entspringt. Zach Braff hat mit Garden State einen Coming of Age-Film gedreht, der äußerst komplex und dennoch so herzlich leicht inszeniert ist. Genaugenommen ist es eher ein Coming to Life-Film, der aber durchaus auch als Appell an die Jugend zu sehen ist, endlich erwachsen zu werden und zu LEBEN. Braff spricht so viele Themen an und wirft so viele Fragen auf, die man sich in jungen Jahren selbst gestellt hat und sich vielleicht sogar jetzt noch stellt. Doch nie wird ein mahnender Zeigefinger erhoben. Braff lässt durch seine Geschichte und die intelligenten Dialoge seine Figuren und nicht zuletzt sich selbst als Hauptfigur sprechen. Keine Szene ist sinnlos oder gar langweilig. Der Film strahlt am Ende eine emotionale Wärme aus, die zu Herzen geht. Fantastisch!

Es geht um den jungen Mann Andrew Largeman (Zach Braff), der von seinem bisherigen Leben desillusioniert ist und eher dahinvegetiert. Als arbeitsloser Schauspieler muss er im Chinarestaurant kellnern. Eines Tages bekommt er vom Vater (Ian Holm) den Anruf, seine Mutter sei gestorben, doch selbst auf der Beerdigung bleibt er seltsam unbeteiligt. Seine alte Heimat hat sich ihm entfremdet. Plötzlich schneit Samantha (Natalie Portman) in sein Leben …

Zach Braff ist schon ein kleines Wunderkind! In seinem Alter solche Filme herauszuhauen, wo soll das noch hinführen? Die Story könnte man als einfach, aber genial bezeichnen. Über die Gesamtlänge des Filmes entblättert sich allmählich Andrews bisheriges Leben wie ein Puzzle, das langsam Sinn ergibt und ebenso langsam zu der Selbsterkenntnis führt, die notwendig ist, erwachsen zu werden und zum Leben zu finden. Eigentlich klassisch angelegt, hilft ihm beim Erkenntnisgewinn eine fremder Mensch, der unerwartet anders ist, ein Augenöffner. Samantha gewinnt durch ihre Offenherzigkeit sein Vertrauen, ihr kann er sich öffnen, Dinge aussprechen, die er selbst seinen Eltern nicht anvertrauen konnte/wollte. Dieses neue Selbstvertrauen hilft ihm, am Ende auch mit seinem Vater ein reinigendes Gespräch zu führen. Während wir am Anfang noch einen deprimierten Kellner in einem Chinarestaurant sehen, der sich von den Gästen schikanieren lässt, sehen wir am Ende einen lebensfrohen jungen Mann, der sich traut, ein neues Leben anzufangen.

Braff hat es auch handwerklich drauf. Hier kommen ihm wahrscheinlich seine vielen und frühen Dreherfahrungen zu Gute. Mit 14 debütierte er an der Seite von Gwyneth Paltrow im TV. Mit Woody Allen drehte er MANHATTAN MURDER MYSTERY. Collin Farrell ist sein Freund. Er muss wohl öfter genauer aufgepasst haben. Alles ist wunderbar in Szene gesetzt, ein gutes Spiel mit Kamerawinkeln und Licht. Der Einsatz der Musik und der Musiktexte ist immer treffend. Der Soundtrack ist einer der besten der letzten Jahre. Braff habe ich übrigens meinen ersten Kontakt mit den Shins zu verdanken, die hier gleich zwei Songs zum Soundtrack beisteuerten. Interessant auch, dass Braff die weibliche Hauptrolle (un-)eigennütziger Weise mit seiner Traumfrau besetzte, die hier auch großartig und fein akzentuiert spielt.

Ich war beim ersten Sehen (es sind ein paar Sichtungen dazugekommen) tief beeindruckt und hätte nicht gedacht, dass mir so ein Coming of Age-Film beim ersten Sehen so vollständig zusagen könnte. Ein fantastischer Film eines jungen Mannes mit hervorragenden Zukunftsaussichten. Man kann nur auf Weiteres gespannt sein.

10/10 Pillen zur Entwöhnung

(ähnlich auch bei kino.de)

Die Schwester der Königin

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , on Dienstag, 4. März 2008 by mediensucht

Drama, Baby!

schwester_der_k1.jpg Elisabeth I. herrschte in England von 1558 bis 1603 und prägte das nach ihr benannte Elisabethanische Zeitalter. Es kam zu Glanzleistungen auf verschiedenen Gebieten wie Literatur (Shakespeare), Wissenschaft (Bacon) und Forschung (Drake). Ihr sind viele Filme gewidmet, zuletzt Elizabeth – Das Goldene Königreich von Shekhar Kapur mit der wunderbaren Cate Blanchett. Die historischen Grundlagen für den Erfolg von Elisabeth I. schafften aber schon ihre Vorgänger(innen). Vater Heinrich VIII. wandte sich vom Papst und der katholischen Kirche ab und kreierte mit seiner Ehepolitik ein Chaos, aus dem Elisabeth erst als Herrscherin hervorgehen konnte. Insofern ist es durchaus interessant, die Ereignisse vor Elisabeth mittels eines Films genauer zu beleuchten.

Um den Status der Familie zu erhöhen, schickt ihr ehrgeiziger Vater Sir Thomas Boleyn die zwei Schwestern Anne (Natalie Portman) und Mary (Scarlett Johansson) an den Hof des englischen Königs Heinrich VIII. (Eric Bana). Dessen Frau Katherine von Aragon (Ana Torrent) kann ihm keinen Sohn und Thronfolger gebären. Heinrich wendet sich Mary zu, die ihm einen Sohn schenkt. Nun bringt sich aber Anna ins Spiel und verführt den König. Sie gibt sich Heinrich aber nur voll und ganz hin, wenn sie auch Königin wird …

Regisseur Justin Chadwick setzt voll und ganz auf Drama. Er verzichtet weitestgehend auf optische Spielereien. Nur einige Einstellungen mit einer Art Schlüssellochkamera sind erwähnenswert. Die Ausstattung ist historisch korrekt, aber im Vergleich zu Kapurs Filmen eher zurückhaltend. Im Mittelpunkt steht das Zusammenspiel der Figuren. Das Drehbuch von Peter Morgan (Die Queen) nach einer Vorlage von Philippa Gregory bietet ausreichend Raum, das Innenleben der Figuren nach außen zu kehren. Genau hier liegt auch die Stärke des Films. Portman und Johansson besitzen das Können, diese Vorgaben auch umzusetzen. Selbst Eric Bana spielt, obwohl der Fokus auf den Damen liegt, seinen Heinrich VIII. in den zeitlich begrenzten Szenen so, dass man mehr als nur den Frauen-verschlingenden Monarchen erkennt.

Ein gewisses historischen Grundwissen ist sicher nicht von Schaden, um die Bedeutung des Gezeigten einordnen zu können. Der Film funktioniert aber auch als eindringliches Kammerspiel. Es gibt viele Szenen von prickelnder Spannung, die den Zuschauer mitreißen. Als die zwei Schwestern, vom König als neue Hofdamen eingesetzt, bei der übergangenen Königin vorsprechen, wird Mary nach ihren Fähigkeiten befragt. Sie muss widerwillig ein Lied singen und wird von der Königin der Lächerlichkeit preisgegeben. Ohne großes Tamtam inszeniert, spürt der Zuschauer sofort den Schmerz der Königin, er leidet mit der vom Vater an den Hof gezwungen Mary – eine brillante kleine Szene.

the_other_boleyn_girl.jpg

Chadwick hält sich mit kleineren Anpassungen an die historischen Grunddaten, ohne aber das Spekulieren zu vergessen. Natürlich sind die genauen Abläufe in den königlichen Gemäuern nicht bis ins Detail bekannt, Chadwick macht seine Version aber für den Zuschauer nachvollziehbar. Mit der heutigen Welt sind die Beweggründe der Figuren nicht zu vergleichen, im geschichtlichen Kontext aber stimmig. Dank Chadwick verkommt der Film nicht zu einer spätmittelalterlichen Seifenoper. Die Schwester der Königin ist ein packendes und intimes Geschichtsdrama mit zwei ausgezeichneten Hauptdarstellerinnen. Für kitschigen Bombast ist dagegen ein Inder zuständig …

8/10 Pillen zur Entwöhnung

(auch auf kino.de)