Into The Wild

Spoilerwarnung: Dieser Beitrag verrät Inhaltliches!!!

Eine Liebeserklärung

into_the_wild_movie_poster.jpgIm August 1992 fand eine Gruppe Elchjäger mitten in Alaska in einem alten Buswrack eine abgemagerte Männerleiche. Es handelte sich um Christopher McCandless, der sich zwei Jahre zuvor ohne große Erklärungen von seinem bisherigen Leben verabschiedet hatte. Zunächst machte sich der Autor Jon Krakauer an die Geschichte von Chris, arbeitete mit Hilfe seiner Familie das Leben auf und versuchte die letzten Ereignisse zu rekonstruieren. Sein Buch In die Wildnis (1996) wurde zum Bestseller. Nun wagte sich Sean Penn mit seiner vierten Regiearbeit Into The Wild an den Stoff.

Mittels leicht verschachtelter Erzählweise versucht Penn einen Weg ins Innere von Chris zu finden, um seine Handlungen nachvollziehbar zu machen. Um es gleich zu sagen, es gelingt ihm nicht wirklich, was allerdings auch fast unmöglich erscheint. Chris war ein zu schwieriger Charakter, ein Idealist, vielleicht auch ein Verrückter, auf jeden Fall aber ein Suchender. Was er genau suchte, ist nur erahnbar. Insofern ist es Penn hoch anzurechnen, dass er sich im Film nicht festlegt. Er präsentiert Ansätze, durchläuft Gedankengänge, ohne allerdings den letzten Schluss zu ziehen.

Penn erzählt hauptsächlich von Chris’ Reise. In einigen Rückblenden wird etwas Vorgeschichte gezeigt. Chris hatte die Konsumgesellschaft satt. Er litt unter den Zwängen des Elternhauses und der Gesellschaft. Sein „Ausbruch“ war präzise geplant, was man von seiner Reise nicht behaupten kann. Nur das Ziel Alaska stand fest, was ihn nach der Lektüre von Jack London faszinierte. Das Vermögen wurde gespendet und der Kontakt zur Familie abgebrochen. Auf seiner Reise lernte Chris als „Alexander Supertramp“ einige Menschen kennen und vielleicht auch lieben, ging am Ende aber doch seinen eigenen Weg.

Beim Hauptaugenmerk des Films macht es Penn seinem Helden nach. Die Natur steht im Mittelpunkt. Mit vielen beeindruckenden Landschaftsaufnahmen versucht Penn etwas von Chris’ ersehntem Ziel einzufangen. Dabei sieht der Film aus wie eine Liebeserklärung an die USA. Hier zeigt sich, dass dieser politisch so kontroverse Charakterkopf Penn eigentlich ein Patriot ist und sich bei aller Kritik am Establishment um sein Land bemüht. Seine Bilder von Chris’ Begegnungen mit der Natur sind kraftvoll bis einfühlsam, die Menschen auf der Reise sympathisch. Manchem mag das als zuviel Land und Leute und zu wenig kritische Reflexion erscheinen, es kommt der Suche von Chris aber wesentlich näher als eine ernste Lehrstunde mit Gesellschaftskritik. Die auf den ersten Blick erschreckende Zahl von 148 Minuten Filmlänge sind selten langweilig oder uninteressant, dennoch ist der Film etwas zu lang geraten.

Jungstar Emile Hirsch schafft die Balance zwischen jungem naiven Highschoolabgänger und ernsthaftem Naturburschen mit klarem Ziel vor Augen. Auch die Abmagerung am Ende erscheint glaubhaft. Die Nebenrollen sind passend besetzt nur William Hurt und Marcia Gay Harden als Elternpaar wirken blass. Das mag aber auch an der Gewichtung durch Penn liegen, dem der aktuelle Weg von Chris bedeutender erscheint als das ehemalige Elternhaus.

Sean Penn ist ein beeindruckendes Porträt eines Aussteigers gelungen. Dabei setzt er genau auf die richtigen Elemente eines Lebens, dessen Ende zwar immer noch rätselhaft bleibt, dessen Antrieb aber eine Faszination ausübt, um einen ganzen Film zu tragen. Am Ende muss sich Chris eingestehen, dass man nur wirklich glücklich sein kann, wenn man sein Glück mit einem Menschen teilen kann. Er entschwindet dieser Welt allein, aber dennoch mit einem Lächeln auf den Lippen, so als ob er sein Ziel erreicht hätte, was auch immer es tatsächlich gewesen sein mag.

8/10 Pillen zur Entwöhnung

(auch auf kino.de)

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Eine Antwort to “Into The Wild”

  1. […] 12. Into the Wild (Sean Penn) 8/10. Wofür? Siehe Kritik! […]

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