Dexter

Dexter ist vielleicht eines der größten Missverständnisse der Seriengeschichte, das trotz falscher Annahmen beim Publikum ausgezeichnet funktioniert. Ein Grund für dieses Phänomen ist die ausgezeichnete Machart der Serie. Dem Publikum wird glaubhaft erklärt, bei Dexter handele es sich um einen gefühlslosen Massenmörder, der nur auf sympathisch getrimmt wurde. Eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall. Dexter ist die Person, deren Gefühle am direktesten beim Zuschauer landen.

Dem Zuschauer wird aus der Perspektive des namengebenden Titelhelden die Geschichte von Serienmörder Dexter Morgan erzählt, der ausgerechnet bei der Polizei arbeitet und als Forensiker bzw. als Analytiker von Blutspritzern auch beruflich mit seinem Lieblingsspielzeug zu tun hat. Nach dem blutigen Mord an seiner Mutter wird Dexter von Polizist Harry Morgan aufgezogen, der schnell die dunkle Seite von Dexter entdeckt und sie mit allerlei Regeln im Zaum zu halten versucht. So entwickelt sich Dexter zum lautlosen und sauberen Killer von anderen Mördern, die der normalen Strafverfolgung entkommen. Dexter als Mörder mit Prinzipien, bei denen sich der Zuschauer dabei ertappt, sie gutheißen zu wollen.

Schon relativ am Anfang der Serie erzählt uns Dexter, dass er doch ein absolut gefühlskalter Mensch sei, und wir glauben es ihm. Da kann er sich rührend um die Kinder seiner leicht gestörten Freundin kümmern, da macht er sich Sorgen um seine Stiefschwester, da zeigt er Gefühle, als ein anderer Serienkiller mit ihm spielt – doch wir vertrauen seinen Worten und finden es faszinierend, wie menschlich doch dieser emotionsgestörte Dexter ist. Dieses Gefühl steigert sich im Laufe der Zeit, weil Dexter immer mehr Emotionen zeigt. Großer Pluspunkt in der Beziehung ist die Erzählweise aus der Ich-Perspektive. Der Zuschauer denkt mit Dexter und fühlt direkt mit ihm. Die Nebencharaktere müssen dabei zurückstehen. Die kleinen Nebengeschichten um Dexters Kollegen und Nahestehenden können dabei auch sehr dramatisch und bewegend sein, im Endeffekt bleiben sie aber im Vergleich zur Komplexität von Dexters Gefühlswelt relativ eindimensional und simpel.

Die Geschichte insgesamt könnte man als vorhersehbar bezeichnen, wäre sie nicht in den Einzelszenen äußerst spannend und witzig gemacht. Der Humor ist von der schwärzeren Sorte und manifestiert sich meist in schrägen Gedanken von Dexter zu eigentlich alltäglichen Dingen, die aus Sicht eines Serienkillers aber sehr amüsant sein können. Faszination geht von Dexters sehr eigenen Umgang mit Menschen aus. Auch beim Ausleben seiner Sucht nach Blut sind die Macher nicht zimperlich. Es wird wenig ausgelassen. Zum Teil werden eigentlich schauerliche Szenen mit lockerer lateinamerikanischer Musik unterlegt. Grenzen, die nicht schon von anderen Serien getestet worden wären, überschreitet man aber nicht.

Dexter entfernt sich mit der Zeit immer weiter vom klassischen Bild des eiskalten Serienkillers und wird nicht zuletzt durch das emotionale Spiel von dem aus Six Feet Under bekannten Schauspieler Michael C. Hall immer „weicher“. Insofern unterscheidet sich Dexter nicht großartig von Serienkillerporträts in Filmen, die erst durch die menschlichen Züge der Mörder interessant werden. Letztendlich ist Dexter aber durchgehend so unterhaltsam (ob nun auf komische oder dramatische Weise), dass eine Sichtung der Serie auf jeden Fall lohnt. Nicht umsonst ist Dexter die erfolgreichste Serie beim amerikanischen Kabelsender Showtime. Das Rad wird allerdings nicht neu erfunden.

(Die zweite Staffel wird ab Herbst 2008 auf Premiere Serie gezeigt)

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15 Antworten to “Dexter”

  1. So viel lobende Worte und dann nur 7/10? Ich bin schockiert.

    Das Rad wird allerdings nicht neu erfunden.

    Naja, ein Serienmörder als sympathischer Held einer Fernsehserie ist doch durchaus neu.

    Die erste Staffel DEXTER ist genial, die zweite baut leider etwas ab, ist aber immer noch überdurchschnittlich. Ganz großes Fernsehen ist das!

  2. Als Serienidee ist die Sache sicherlich neu, aus Filmen kennt man es aber schon lange. Zudem halten die Macher ihre Vorsätze nicht durch und verweichlichen Dexter zunehmend. Da das alles aber immer noch verdammt spannend und gut gemacht ist, empfehle ich die Serie. Die Schwächen, die ich bereits im Text schon erwähnte, sind aber nicht wegzureden! 7/10 sind für mich realistisch!
    😉

  3. Naja, ohne jetzt Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen, verfügt EARL aber auch über große Schwächen und der hat 9/10 bekommen 😛

  4. Da vergleichst Du jetzt aber Äpfel mit Birnen! :mrgreen:

    Nee, im Ernst: EARL versucht nicht irgendetwas zu sein, was er nicht ist – DEXTER dagegen schon. Und die Wertung wird die Serie wirklich hart treffen und mindestens 1 Million Zuschauer kosten! 😉

  5. Und die Wertung wird die Serie wirklich hart treffen und mindestens 1 Million Zuschauer kosten!

    Du unterschätzt deinen Einfluss auf deine Leser 😉

  6. Also, ganz ehrlich, der Quervergleich DEXTER-EARL tut nicht wirklich Not – aber davon abgesehen muss ich Rudi schon Recht geben, denn 7/10 ist auch meiner Meinung nach deutlich zu niedrig angesiedelt.

    Auch wenn man es aus Filmen schon kennt, dass Geschichten aus der Sicht eines Mörders erzählt werden, so ist es im Falle DEXTER doch einfach nur großartig umgesetzt und auch das Storytelling äußerst versiert. Und auch wenn man sich gewisse Sachen schon im Laufe der Episoden zusammenreimen kann, möchte ich doch nun wirklich nicht von Vorhersehbarkeit sprechen. Aber naja, der feine Herr Mediensucht ist da wohl schlauer… 😉

    Übrigens nochmal zurück zum Vergleich Dexter und Earl: Ich werde das ja bei meinem ultimativen Serienüberblick so handhaben, dass ich analog zum Globe zwei unterschiedliche Rubriken (Comedy vs. Drama) einrichten werde. Möchte eben diesen Diskussionen nämlich aus dem Weg gehen.
    Muss nur mal mit dem Überblick fertig werden – kann sich nur noch um Monate handeln…

  7. Hirngabel, es geht mir nicht so um die Vorhersehbarkeit, sondern vielmehr um die ungenutzten Möglichkeiten. Das verhält sich bei mir ähnlich der von mir bereits besprochenen BATTLESTAR GALACTICA. Brillant gemacht, aber die kleinen Macken stören immer wieder. DEXTER ist schon sauspannend, das wird aber auf recht konventionelle Art und Weise erreicht. Ich wünsche mir mehr Boshaftigkeit und Zynismus. Das Konzept schreit nach mehr. Ich bitte aber zu bedenken, dass 7/10 keine schlechte Wertung sind – im Gegenteil!

    Hatte übrigens auch daran gedacht, mal ein Serienranking zu veröffentlichen. Mein Problem ist aber mehr die Einordnung meiner Lieblingsserien im Jugendalter zur Gegenwart. Da bleibe ich vorerst mal bei der Einzelkritik, wo ja noch ein paar Serien fehlen. Ich bin mal auf Deine Übersicht gespannt …^^

  8. […] zeigt sich wiederum der US-Pay-TV-Sender Showtime, der auch schon mit der provokanten Crime-Serie Dexter auffiel. In Deutschland lief die Californication ebenfalls im Pay-TV (AXN). Nicht nur Duchovny […]

  9. ihr seit doch alle scheiße…

  10. Um mal ein berühmtes Zitat zu bringen: „Wieso das denn?“

    Btw: liene, Du disqualifizierst Dich gerade selbst mit so einem in den Raum gestellten Spruch!

  11. […] habe ich endlich die 3. Staffel von Dexter […]

  12. Ich denke, du erkennst das Problem haarscharf: nur ein kleiner Teil der Möglichkeiten wird genutzt. Diese Serie könnte man mit sehr wenig sehr viel fesselnder gestalten.

    Aber 7/10 ist doch sehr konservativ bemessen 🙂

    Grüsse
    Protostomia

  13. Die neue Staffel ist gerade in den USA angelaufen. Mal sehen, ob man sich mal etwas ab vom bisher beschrittenen Weg umsieht. Würde mich auch freuen …

  14. Staffel Vier gefällt mir irgendwie wieder einen Tacken besser, als die vorangegangene Staffel, die ich -trotz Miguel- etwas schwächer fand.

    Wobei natürlich keineswegs in den niederen Sphären, in denen Ihr Euch hier bewegt. =)

  15. 10 von 10 gibt´s von mir, Dexter ist der Beste! Ich liebe den Vorspann – widerlich ästhetisch auf eine subtile Art und Weise!
    Achso, ich vermisse Breaking Bad bei deiner Serienauflistung! Ich liebe Breaking Bad, Walter ist mindestens der 2. Beste! 🙂

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