Cassandras Traum

Eine Tragödie

In einigen Kritiken zu Woody Allens neustem Film steht geschrieben, was er doch alles sei: Komödie, Sittengemälde, Krimi, Groteske etc.. Cassandras Traum ist aber eine reinrassige Tragödie klassischen Ausmaßes. Es wird alles immer schlimmer! Der Hoffnungsschimmer mittendrin darf natürlich nicht fehlen (retardierendes Moment), am Ende fährt der Wagen aber gegen die Wand. Der Film leider auch! „Wie konnte es dazu kommen?“ darf man sich fragen. Es muss wohl – wie üblich – mehrere Gründe haben, warum Allens Film nicht richtig funktionieren will.

Der dritte und vorerst letzte Teil von Allens London-Trilogie spielt ausnahmsweise mal am unteren Ende der Gesellschaft. Die Brüder Ian und Terry leben quasi von der Hand in den Mund, leisten sich aber immer wieder Dinge, die sie eigentlich nicht bezahlen können. So entdecken sie eines Tages ein kleines Segelboot am Hafen, dass sie bald ihr Eigen nennen dürfen. Terry hat Glück im Spiel, so dass die Finanzierung klappt. Auch Ian kann sich glücklich schätzen, lernt er doch mit Schauspielerin Angela (Hayley Atwell) endlich seine Traumfrau kennen. Wie in einer Tragödie üblich wendet sich aber das Blatt und alles zum Schlechten. Terry hat eine Pechsträhne und verschuldet sich übermäßig. Um wieder zu Geld zu kommen, müssen die Brüder ihrem reichen Onkel Howard (Tom Wilkinson) eine Gefälligkeit erweisen, der es in sich hat …

Wie es bei Woody Allen üblich ist, wird viel geredet – sehr viel. Man fühlt sich, als sei man in einer nicht enden wollenden Wiederholung. Leider fehlt der Allen-typische Humor. Als Komödie wirkt der Film also nicht. Vielmehr macht Allen durch seltsame Übertreibungen seine Figuren lächerlich. Colin Farrell als nervenschwacher Terry und Ewan McGregor als liebesblinder Ian machen ihre Sache zwar ordentlich, der Film fühlt sich aber eher wie abgefilmtes Theater an. Inszenatorisch können Allens Filme zwar selten begeistern, wenn die restliche Substanz aber so dünn ist, vermisst man die fehlende inszenatorische Brillanz. Auch der Musikeinsatz ist überraschungsarm. Die übermäßige Verwendung von schmetterndem, klassischem Orchester als dramatisches Mittel wirkt altbacken. Überhaupt könnte der Film aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts stammen.

Der klassische Dramacharakter des Films macht ihn ebenfalls relativ überraschungsarm. Die Handlung ist vorhersehbar. In nur wenigen Einzelszenen gibt es spürbare Spannung zwischen den Figuren, die auf den Zuschauer überspringt. Man weiß oft am Anfang der Szene schon, wie sie ausgehen wird. Da heißt es dann warten und den Wortschwall über sich ergehen lassen. Schnell wird es langweilig. Dass der Film kein kompletter Rohkrepierer ist, liegt an den zwei durchaus sympathischen Hauptdarstellern. Vielleicht ist es aber auch nur Mitleid für zwei Loser, die zuviel träumen. Nach einem schlechten Allen folgte ein guter Allen. Auf einen guten Allen folgte ein schlechter Allen. Da kann ich mich wohl auf Vicky Cristina Barcelona freuen?

3/10 Pillen zur Entwöhnung

(auch auf kino.de)

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Eine Antwort to “Cassandras Traum”

  1. […] Cassandras Traum (Woody Allen) Siehe Kritik. […]

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