The Aviator

Howard Hughes – Hollywoodgröße, Flugpionier und … psychisch Kranker. Eigentlich ein typischer Amerikaner. Wieder ist es Martin Scorsese, der sich eines Teils der amerikanischen Geschichte annimmt, wie er es schon in GOODFELLAS, CASINO oder GANGS OF NEW YORK machte. Und wieder kämpft sein Held nicht nur gegen die Institutionen und die Konkurrenz, sondern auch gegen sich selbst. Die Geschichte von Hughes ist nicht die eines Tellerwäschers zum Millionär. Hughes erbte mit 18 Jahren die Firma seines Vaters. Doch war er in dem, was er seither anfasste, immer Visionär. Seine Interessen galten dem Film und dem Fliegen. Er drehte ungeheuer aufwändige Filme, aber auch (sexuell) provokante Streifen und machte so von sich reden. Auch beim Flugzeugbau war er an der Entwicklung neuer Techniken und dem Brechen von Rekorden beteiligt. Doch Genie und Wahnsinn liegen, wie auch in diesem Fall, nah beieinander. Hughes wird immer mehr von Phobien (Reinheitsfimmel, …) heimgesucht und schattet sich zunehmend von der Umwelt ab.

Einem Amerikaner wird der Name Howard Hughes ein Begriff sein, dem gewöhnlichen Europäer ist er wohl weniger geläufig. Gut, dass Hollywood in letzter Zeit auf einem Biopic-Trip ist und uns einige interessante Persönlichkeiten näher bringt. Im Speziellen sind die Initiatoren eben jener Scorsese, Drehbuchautor John Logan (GLADIATOR, LAST SAMURAI) und die Produzenten Leonardo DiCaprio und Michael Mann, der wegen seiner Biopic-Vergangenheit (ALI) den Regiestuhl weitergab. Als Howard Hughes erleben wir dann auch Leonardo DiCaprio in einer seiner besten Rollen. Er war es, der vor acht Jahren die Idee zum Film hatte und hat sich dementsprechend gut auf die Rolle vorbereitet. Dennoch ließ er sich von Scorsese, sozusagen seinem Hauslehrer, führen, um eine zurecht bepreiste Glanzleistung zu vollbringen. Einen (für mich) großartigen Part hat Cate Blanchett als Katharine Hepburn. Nicht auszudenken, wenn doch die vorgesehene Nicole Kidman die Rolle genommen und sich nicht für DIE FRAUEN VON STEPFORD entschieden hätte. Für Kidman im Nachhinein natürlich dumm, m.E. passt Cate als Kate hier aber wesentlich besser. Und sie wird auch sensationell von Scorsese mit einem Golfspiel eingeführt. Nun kenne ich die private Hepburn nicht und manche werfen Blanchett auch Overacting vor. Mir hat ihr Auftritt glänzend gefallen! Kleine amüsante Nebenrollen haben Gwen Stefani als Jean Harlow und Jude Law als Errol Flynn, in denen sie auf Grund der Kürze der Zeit aber nicht herausstechen können.

Handwerklich ist der Film, wie nicht anders zu erwarteten, Kino vom Feinsten. Nicht nur die beeindruckende Optik besticht. Dante Ferretti (GANGS OF NEW YORK, COLD MOUNTAIN) durch seine imposanten Bauten und Sandy Powell (SHAKESPEARE IN LOVE) mit den zeitnahen Kostümen machen Eindruck. Auch Scorsese weiß seine Protagonisten und deren Umfeld in „endlosen“ Einstellungen (ohne Schnitt) wunderbar ins Bild zu setzen. Dieses Mal arbeitete das „Regie-Wunderkind“ nicht mit Stamm-DOP Michael Ballhaus zusammen, sondern mit Robert Richardson (KILL BILL). Geschadet hat es nicht – im Gegenteil. Neben den logistisch schwierigen langen Einstellungen sind auch die Flugszenen sehr gut gelungen und beeindrucken, wie damals wahrscheinlich „Hells Angels“, der erste Howard Hughes-Film. Auch Actionfans wird etwas geboten. Ein Flugzeugabsturz wurde imposant durch die Special-Effect-Abteilung (Sony) verarbeitet. Interessant ist die Farbgebung des Films, die sich der realen Entwicklung des Farbfilms zu der Zeit anpasst.

Der Film beginnt mit einem Bad des kleinen Howard, dem Waschen durch seine Mutter und ihrem Gespräch dabei. Es ist allerdings die einzige Szene, in der Scorsese etwas Psychoanalyse betreibt. Sonst beschränkt er sich mehr auf das Zeigen von Ereignissen und der Auswirkungen der Krankheit von Hughes. So erfährt der Zuschauer leider kaum etwas über die Hintergründe der Krankheit und auch wenig über den Charakter von Howard Hughes. Das, was allerdings gezeigt wird, ist erstklassig umgesetzt. Ob es die schon erwähnten Flugszenen, das Ausleben der Neurosen von Hughes (sehr nahe gehend ist beispielsweise die Wirkung von Blitzlichtgewitter) oder die Anhörung vor dem Senat. Bestes Kino! Das weniger interessante Ende vom Helden bleibt uns übrigens wie schon in RAY verborgen.

Mir hat der Film bis auf Kleinigkeiten sehr gut gefallen. Es handelt sich um einen ausgezeichnet gemachten, typischen Scorsese-Film mit interessanter Handlung und gut aufgelegten Darstellern, was ihn äußerst kurzweilig und faszinierend macht. Deshalb fast perfekte

9/10 Pillen zur Entwöhnung

(auch auf kino.de)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: