Der Rote Baron

Die Fälscher

Manfred von Richthofen war ein kaltblütiger Killer in der Luft – ein Killer mit Prinzipien, aber ein Killer! Die deutsche Propaganda des ersten Weltkrieges machte ihn zu einem Helden und alle Welt glaubte ihr. Diese Schönfärbung einer Person wirkt bis heute, wie man am Film Der Rote Baron von Nikolai Müllerschön sieht.

Wie in vielen Dokumentationen und Veröffentlichungen über Manfred von Richthofen der heutigen Zeit zu sehen bzw. zu lesen ist, böten sein vielschichtiger Charakter und sein kurzes Leben genügend Stoff und vor allem genügend interessante Reizpunkte, um einen zweistündigen Film attraktiv und unterhaltend zu füllen. Doch leider beschränken sich Müllersohn und sein Team darauf, eine deutsche Version der Flyboys zu drehen, der letztes Jahr zurecht ohne viel Aufsehen in den Kinos unterging. Man wollte einmal mehr großes Hollywoodkino machen, schaute aber an der falschen Stelle ab. Was nützt ein aufwendig ausgestatteter und mit imposanten Fliegerkämpfen angereicherter Film über eine weltbekannte Persönlichkeit, wenn man sich nicht die Mühe macht, vernünftig zu recherchieren bzw. ein spannendes Drehbuch auszuarbeiten und so in keiner Minute dieser historischen Figur gerecht wird. Viel lieber stellt man die Hauptperson eindimensional als Gutmensch dar, der nur widerwillig im Krieg ist, erdenkt sich eine billige Liebesgeschichte, die einfach nur langweilt.

Der Rote Baron ist leider zu einer Geschichtsverfälschung erster Kajüte verkommen. Richthofen wird als Pazifist der Lüfte dargestellt, der seine Gegner nicht töten will, der den Luftkampf rein sportlich sieht und den Feind respektiert. Das ist Weichspülerei. Richthofen war vielmehr ein Menschenjäger, der sehr wohl den gezielten Tod seines Gegners herbeiwünschte. Er ließ für jeden Abschuss einen kleinen Metallbecher fertigen, um seine Erfolge „zu sammeln“. Die Brutalität des Krieges verabscheute er zwar, war sich aber seiner speziellen Killerinstinkte bewusst: „Es liegt nicht jedem Menschen, im letzten Augenblick noch die volle Geistesgegenwart zu behalten, ruhig zu zielen über Visier und Korn und Kopf aufsitzen zu lassen. Diese Art Menschenjagd muss tatsächlich geübt werden.“ Um in der damaligen Zeit 80 Gegner vom Himmel zu holen, bedarf es schon einer gewissen Härte und inneren Kälte, im Film wird dagegen strikt fair agiert und romantisiert.

Das Ende Richthofens böte viel Raum zu Interpretationen. Nach seiner Kopfverletzung 1917 bekommt er einen Knacks in der Seele, wird unvorsichtig und noch trotziger. So folgt Richthofen am 21.4.1918 einem gegnerischen Anfänger viel zu nah über den feindlichen Stellungen und wird von australischem Bodenfeuer getroffen. Der Film verkürzt hier stark, lässt den Tod völlig offen. Wie konnte es zu solchem Leichtsinn kommen? Wieso hat Richthofen seine eigenen Regeln verletzt? Gab es Todessehnsucht? Viele interessante Fragen, die der Film nicht stellt.

Neben den hier schon angedeuteten Drehbuchschwächen gibt es auch Fehler in der Besetzung. Lena Headey als Krankenschwester und große Liebe Richthofens sieht zwar gut aus, ist für die Rolle aber schlicht zu alt. Ebenfalls zu alt erscheint Till Schweiger als Voss, der nicht so recht in die junge Garde passen will. Und Axel Prahl lässt General von Hoeppner zu einer Witzfigur verkommen. Sonst gehen die Schauspielleistungen in Ordnung, Matthias Schweighöfers (Richthofen) Können wurde nicht ausgereizt, Joseph Fiennes ist verschenkt. Optisch empfand ich den Film als gelungen. Die Flugszenen sahen spektakulär aus, die Ausstattung war prächtig. Die Kameraführung kann man als konventionell bezeichnen, was dem Thema angemessen erscheint. Ein bisschen mehr Innovation in der Machart hätte dem Film aber sicher nicht geschadet.

In Deutschland ist man handwerklich durchaus in der Lage, große (historische) Stoffe umzusetzen, scheitert aber (wie zum Teil die amerikanischen Vorbilder auch) an der Beherzigung der Grundlagen für einen guten Film. Das schlechte Drehbuch ist das Hauptmanko des Films, darüber können gute Ausstattung und schöne Optik nicht hinwegtäuschen. Der Rote Baron ist leider weder etwas für geschichtlich Interessierte, noch taugt er als spannender Unterhaltungsfilm. Schade um das viele Fördergeld!

Nur 3/10 Pillen zur Entwöhnung!

(auch auf kino.de)

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2 Antworten to “Der Rote Baron”

  1. Sehr schön! Endlich mal noch jemand, der darauf eingeht, dass das im Film entworfene Richthofen-Bild mehr als nur zu hinterfragen ist. Ein Film muss zwar nicht zwingend historisch orrekt sein, doch wenn er – wie in diesem Fall – zu einer zwanghaften Heldenstilisierung verkommt, dann muss er dafür kritisiert werden. Von den anderen Aspekten, die misslungen sind, gar nicht erst zu sprechen…

  2. […] deutschen Produktionen immer versucht wird, ausgerechnet das schmalzige Hollywoodkino nachzuäffen. Siehe Kritik. […]

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