Archiv für Alexandra Maria Lara

Der Baader-Meinhof-Komplex

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , , , , on Sonntag, 28. September 2008 by mediensucht

Leerer Bombast

Aus den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelten sich verschiedene revolutionäre Gruppen, die teils auch gewalttätige Aktionen durchführten. Die schillerndste Gruppe war die Rote Armee Fraktion, die mit ihren drei Generationen über fast drei Jahrzehnte Terror und Tod über Deutschland brachte. Bis heute sind einige Morde ungeklärt und noch einige Mitglieder auf der Flucht. Die Aktionen der RAF führten nicht nur zu politischen Krisen, sondern zwang Deutschland auch zu Maßnahmen, die die Rechte der Bürger einschränkten. Die Geschichte der RAF ist eine Geschichte über Zukunftsangst, Ungerechtigkeit, Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung und politische Fehler. Eine Auseinandersetzung mit ihr lohnt in jedem Fall.

Wie schon mit Der Untergang bietet uns Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger nun wieder eine relativ meinungs- und wertungsfreie Geschichtsstunde, die zwar inszenatorisch eine Reihe guter Ansätze bietet, insgesamt aber an ihrem fehlenden Ziel scheitert. Der Baader-Meinhof-Komplex (nach der gleichnamigen Vorlage von Stefan Aust) ist leider auch nur eine Aneinanderreihung historischer Ereignisse im spielfilmhaften Dokumentarstil, die zu kaum einer Zeit wirklich fesseln kann. Trotz der Fokussierung auf die erste Generation der RAF wollen Eichinger und Regisseur Uli Edel so viele historische Ereignisse und Personen unterbringen, wie nur möglich. Dabei verlieren sie den Fokus auf ihre titelgebenden Hauptfiguren und machen sie damit zu leeren Marionetten eines Actionfilms.

Dabei fing alles so wunderbar an. Die ersten Szenen um die Studentenunruhen beim Schahbesuch 1967 in Berlin und der Tötung Benno Ohnesorgs sind äußerst intensiv und kraftvoll inszeniert und lassen eine Ahnung aufkommen, was die jungen Studenten dazu bewegte, sich politisch zu engagieren und auf der Straße gegen den Staat zu protestieren. Doch neben den Hauptakteuren der Baader-Meinhof-Bande treten immer mehr Akteure in Erscheinung. Statt sich auf die Führung der Gruppe zu konzentrieren, geht der Fokus auf Nebencharaktere, selbst die sind hier hochgradig besetzt. Alexandra Maria Lara beispielsweise hat einen Kurzauftritt als Petra Schelm und lenkt so von den Hauptrollen ab. Bruno Ganz (BKA-Chef Horst Herold) gesteht man seine Rolle als Gegenspieler der Baader-Meinhof-Gruppe wiederum nicht zu.

Trotz der zweieinhalb Stunden Filmlänge bleibt kaum Ruhe und Konzentration auf das Wesentliche. Vielmehr wird im Mittelteil von einem historischen Ereignis zum nächsten gehetzt. Erst am Ende kann man erahnen, was der Film einmal hätte werden können. Die Geschehnisse rund um den Stammheimprozess besitzen in der Inszenierung wieder etwas mehr psychologische Tiefe. Hier können sich die Schauspieler ausleben, was ab und zu im Overacting gipfelt, nach der filmischen Hast zuvor aber positiv auffällt. Doch auch hier lassen die immer wieder eingebundenen Dokumentarschnipsel kaum Atmosphäre aufkommen. Die Kraft der Selbstzerstörung in der Gruppe lässt sich nur erahnen.

Die Verfilmung geschichtlicher Ereignisse birgt immer Risiken. Auf der einen Seite will man historisch korrekt sein, auf der anderen Seite aber auch ein gewisses Maß an Unterhaltung bieten. Dazu bedarf es einer Fokussierung auf eine begrenzte Anzahl von Personen, mit denen eine Geschichte erzählt wird. Daran scheitert Der Baader-Meinhof-Komplex leider. Der Film beschränkt sich auf die bombastische Inszenierung vieler Ereignisse. Erklärungen oder zumindest ein Versuch, das Handeln auch nur einer handelnden Person nachvollziehbar zu machen, fehlen fast vollständig. Ohne Vorwissen wird das Verständnis des Filmes noch schwerer. Somit ist er als Unterrichtsmaterial ebenso wenig zu gebrauchen. Einzig einige gut inszenierte Einzelszenen und die schauspielerischen Leistungen (besonders Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin) können überzeugen. Für einen Oscar (Der Baader-Meinhof-Komplex ist deutscher Kandidat) wird das wohl kaum reichen. Obwohl …!

Übrigens: Da ich kein Journalist bin und ganz normal ins Kino gehe, bin ich auch an keinen Boykott gebunden. Dennoch verurteile ich das Verhalten des Verleihs gegenüber der schreibenden Zunft!

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Control

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , on Mittwoch, 9. Januar 2008 by mediensucht

Lost Control

control.jpgEin rechtzeitiger Tod ist der Freund des Musikers. Das zumindest liegt nahe, wenn man sich die Karrieren und die Berühmtheit einiger Musiker ansieht. Ganz so ist es natürlich nicht. Gewaltigen Einfluss hat auch die Musik, die der Künstler vor seinem Ableben produziert hat. Im Falle von Joy Division, deren Sänger Ian Curtis in Control porträtiert wird, kommt hinzu, dass aus der Band nach dem Tode Curtis` New Order hervor gingen, die den Namen Joy Division erst bedeutsam machten. Nun weiß man freilich nicht, was aus Joy Division ohne die tragischen Ereignisse um Curtis noch geworden wäre. Eigentlich handelt es sich bei Joy Division um eine Art Eintagsfliege, die eben den großen Hit Love Will Tear Us Apart landeten und es auf eher magere zwei Alben schafften.

Ein Fan von Joy Division war der Anton Corbijn, der angeblich wegen der Band nach Manchester zog und Musikerfotograf wurde. Später drehte er Musikvideos für viele bedeutende Künstler. Nun wagte er sich an ein Porträt von Ian Curtis und bekam Unterstützung von dessen Ex-Frau und seiner Geliebten. Eine ziemlich genaue Rekonstruktion der Ereignisse schien also gewährleistet. Man fragte sich, ob die filmische Umsetzung interessant würde.

Corbijn drehte in Schwarz/Weiß. Seine Bilder zeugen von fotografischem Können. Jede Einstellung ist fantastisch anzusehen. Man könnte meinen, es wurden einfach Fotografien zu einem Film zusammengesetzt. Der Film sieht wirklich gut aus. Das Gehirn verbindet mit den S/W-Aufnahmen automatisch etwas Historisches und teils auch Düsteres, was eine ganz spezielle Atmosphäre schafft, die der Musik von Joy Division relativ nahe kommt. Zumindest optisch ist Corbijn nichts vorzuwerfen.

Dem Film fehlt es aber an Substanz. Die eigentliche Bandgeschichte gibt nicht viel her, bei der Beschreibung des Seelenlebens von Curtis konnten die Macher nur spekulieren. Es war nie wirklich klar, was in Curtis vorging, warum er sich letztendlich umbrachte. In dieser Hinsicht bringt auch das Drehbuch auf der Handlungsebene nichts Neues. Einzig und allein Curtis-Darsteller Sam Riley ist es zu verdanken, dass man eine Bindung zur Hauptfigur bekommt. Der hervorragend besetzte und brillant agierende Riley sieht nicht nur Curtis verdammt ähnlich, er verschafft seiner Figur auch so etwas wie emotionale Tiefe. Ähnliches kann man von Alexandra Maria Lara leider nicht behaupten. Sie spielt die Freundin von Curtis und darf nicht mehr, als ihm schöne Augen zu machen. In den mit Piepsstimme vorgetragenen Dialogen zwischen den Beiden herrscht Substanzlosigkeit und emotionale Tristesse. Überhaupt scheinen die Dialoge aus dem Katalog für Daily Soaps entnommen zu sein. Hier macht sich Corbijn einiges kaputt, was er sich technisch aufgebaut hat. Ebenso trüben einige erzählerische Längen den Gesamteindruck.

Control ist optisch sehr gut umgesetzt, kann auf emotionaler Ebene aber nicht das halten, was er mit seinem Titel verspricht, nämlich den Kontrollverlust seiner Hauptfigur spürbar zu machen. Als schön anzusehendes Künstlerporträt mit einem gut aufgelegten Hauptdarsteller taugt der Film allemal. Wer sich weder für die Musik noch für schöne S/W-Bilder interessiert, kann sich den Film getrost sparen.

6/10 Pillen zur Entwöhnung

(auch auf kino.de)