Archiv für Moritz Bleibtreu

Der Baader-Meinhof-Komplex

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , , , , on Sonntag, 28. September 2008 by mediensucht

Leerer Bombast

Aus den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelten sich verschiedene revolutionäre Gruppen, die teils auch gewalttätige Aktionen durchführten. Die schillerndste Gruppe war die Rote Armee Fraktion, die mit ihren drei Generationen über fast drei Jahrzehnte Terror und Tod über Deutschland brachte. Bis heute sind einige Morde ungeklärt und noch einige Mitglieder auf der Flucht. Die Aktionen der RAF führten nicht nur zu politischen Krisen, sondern zwang Deutschland auch zu Maßnahmen, die die Rechte der Bürger einschränkten. Die Geschichte der RAF ist eine Geschichte über Zukunftsangst, Ungerechtigkeit, Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung und politische Fehler. Eine Auseinandersetzung mit ihr lohnt in jedem Fall.

Wie schon mit Der Untergang bietet uns Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger nun wieder eine relativ meinungs- und wertungsfreie Geschichtsstunde, die zwar inszenatorisch eine Reihe guter Ansätze bietet, insgesamt aber an ihrem fehlenden Ziel scheitert. Der Baader-Meinhof-Komplex (nach der gleichnamigen Vorlage von Stefan Aust) ist leider auch nur eine Aneinanderreihung historischer Ereignisse im spielfilmhaften Dokumentarstil, die zu kaum einer Zeit wirklich fesseln kann. Trotz der Fokussierung auf die erste Generation der RAF wollen Eichinger und Regisseur Uli Edel so viele historische Ereignisse und Personen unterbringen, wie nur möglich. Dabei verlieren sie den Fokus auf ihre titelgebenden Hauptfiguren und machen sie damit zu leeren Marionetten eines Actionfilms.

Dabei fing alles so wunderbar an. Die ersten Szenen um die Studentenunruhen beim Schahbesuch 1967 in Berlin und der Tötung Benno Ohnesorgs sind äußerst intensiv und kraftvoll inszeniert und lassen eine Ahnung aufkommen, was die jungen Studenten dazu bewegte, sich politisch zu engagieren und auf der Straße gegen den Staat zu protestieren. Doch neben den Hauptakteuren der Baader-Meinhof-Bande treten immer mehr Akteure in Erscheinung. Statt sich auf die Führung der Gruppe zu konzentrieren, geht der Fokus auf Nebencharaktere, selbst die sind hier hochgradig besetzt. Alexandra Maria Lara beispielsweise hat einen Kurzauftritt als Petra Schelm und lenkt so von den Hauptrollen ab. Bruno Ganz (BKA-Chef Horst Herold) gesteht man seine Rolle als Gegenspieler der Baader-Meinhof-Gruppe wiederum nicht zu.

Trotz der zweieinhalb Stunden Filmlänge bleibt kaum Ruhe und Konzentration auf das Wesentliche. Vielmehr wird im Mittelteil von einem historischen Ereignis zum nächsten gehetzt. Erst am Ende kann man erahnen, was der Film einmal hätte werden können. Die Geschehnisse rund um den Stammheimprozess besitzen in der Inszenierung wieder etwas mehr psychologische Tiefe. Hier können sich die Schauspieler ausleben, was ab und zu im Overacting gipfelt, nach der filmischen Hast zuvor aber positiv auffällt. Doch auch hier lassen die immer wieder eingebundenen Dokumentarschnipsel kaum Atmosphäre aufkommen. Die Kraft der Selbstzerstörung in der Gruppe lässt sich nur erahnen.

Die Verfilmung geschichtlicher Ereignisse birgt immer Risiken. Auf der einen Seite will man historisch korrekt sein, auf der anderen Seite aber auch ein gewisses Maß an Unterhaltung bieten. Dazu bedarf es einer Fokussierung auf eine begrenzte Anzahl von Personen, mit denen eine Geschichte erzählt wird. Daran scheitert Der Baader-Meinhof-Komplex leider. Der Film beschränkt sich auf die bombastische Inszenierung vieler Ereignisse. Erklärungen oder zumindest ein Versuch, das Handeln auch nur einer handelnden Person nachvollziehbar zu machen, fehlen fast vollständig. Ohne Vorwissen wird das Verständnis des Filmes noch schwerer. Somit ist er als Unterrichtsmaterial ebenso wenig zu gebrauchen. Einzig einige gut inszenierte Einzelszenen und die schauspielerischen Leistungen (besonders Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin) können überzeugen. Für einen Oscar (Der Baader-Meinhof-Komplex ist deutscher Kandidat) wird das wohl kaum reichen. Obwohl …!

Übrigens: Da ich kein Journalist bin und ganz normal ins Kino gehe, bin ich auch an keinen Boykott gebunden. Dennoch verurteile ich das Verhalten des Verleihs gegenüber der schreibenden Zunft!

Free Rainer – Hans erklärt uns die Welt

Posted in Cinemanie, Glotzophonie with tags , , , , , on Dienstag, 13. November 2007 by mediensucht

*leichte Spoilerwarnung*

Fernsehen macht blöd! Das wurde sogar schon wissenschaftlich bewiesen! Beim Fernsehen werden wichtige Regionen im Gehirn gar nicht bedient und verkümmern. Was die Probanden bei solchen empirischen Versuchen zu sehen bekamen, ist mir nicht bekannt. Vielleicht war es der neue Film von Hans Weingartner als TV-Version?!

Ausschlaggebend ist doch, was man im TV sieht und wie lang man vor der Glotze hängt. Die Entscheidung liegt bei jedem Einzelnen selbst, was er sich anschaut. Zur Not kann man ja ausschalten. So weit ich weiß, gibt es in Deutschland keine Fernsehpflicht. Viele Sendungen im TV sind deshalb genauso blöd wie ihr Publikum. Wie viele solche Zuschauer eine Sendung hat, wird in Deutschland durch die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) über eine kleine „repräsentative“ Gruppe vom Menschen ermittelt und als Einschaltquoten veröffentlicht. Zu dieser Gruppe gehören nur Gebührenzahler. Studenten oder Arbeitslose (was „nur“ einige Millionen sind) werden vernachlässigt. Die Zahlen sagen also nur etwas über Quantität aus, nicht über Qualität.

Hans Weingartner, Regisseur von Die fetten Jahre sind vorbei und Das weiße Rauschen, nimmt sich nun dieses Themas an und verarbeitet es in der sogenannten Mediensatire Free Rainer. Er schiebt die Verblödung der Massen auf deren TV-Konsumverhalten. Den Erfolg von sinnfreien Sendungen misst er deren hoher Einschaltquoten und der Gewöhnung der Massen an diesen Schund zu. Eine Lösung des Problems wäre also die Manipulation der Quote. Wenn Wissenssendungen höhere Einschaltquoten hätten, würden sie die Massen zum Sehen selbiger verleiten. Wenn eine Trashsendung keine Quote hätte, würden die Leute eher abschalten. Ja, hier macht es sich Weingartner sehr einfach. Er ignoriert wichtige andere Faktoren. Die Vereinfachung ist aber Konzept.

Rainer (Moritz Bleibtreu) ist erfolgreicher TV-Produzent. Jedes Klischee eines Fernsehmachers trifft auf ihn zu: Drogen, Sex, schnelle Autos usw.. Seine Sendungen sind der reinste Trash. Nach einem Unfall kommt der urplötzliche Sinneswandel. Rainer will nun Bildungsfernsehen machen und scheitert. Mit einer kleinen Guerillatruppe nimmt er mittels Quotenmanipulation Rache und wie durch ein Wunder – Deutschland wandelt sich. Die Menschen lesen auf sonnigen Wiesen, diskutieren in intellektuellen Gesprächsrunden, schauen Politmagazine oder Die fetten Jahre sind vorbei (!).

Genauso klischeehaft, wie es sich hier liest, ist auch der Film umgesetzt. Weingartner praktiziert genau das, was er den TV-Sendern vorwirft. Er verkauft sein Publikum für blöd, strapaziert ein Klischee nach dem anderen und gibt den „Erklärbären“. Keine Spur von Subtilität oder Raffinesse. Der Zuschauer erkennt schon am Anfang einer Szene, wie sie endet. Es gibt nahezu lächerliche Szenen, wie beispielsweise das Streitgespräch von Rainer mit seinem Chef, dass in einer übertriebenen Brüllarie endet.

Völlig daneben ging auch die Liebesromanze des Films. Ernstere Szenen sind mit einem schmalzigen Klaviergeklimper unterlegt. Die Chemie zwischen den Darstellern stimmt schlechtweg gar nicht. Überhaupt ist die weibliche Hauptrolle mit Elsa Sophie Gambard fehlbesetzt. Von ordentlicher Schauspielerführung keine Spur. Alles wirkt grob, ohne jedes Gefühl für Feinheiten – wie es eben im kritisierten TV auch täglich zu sehen ist.

Weingartners Klischee-Overkill macht auch vor den Randgruppen der Gesellschaft nicht halt. Die Arbeitlosen saufen, der trottelige Inder ist sich für keine Arbeit zu schade, der Computerspezialist ist ein sozialer Außenseiter mit Verschwörungstick. Die einzige Frau in der Gruppe hat ausgerechnet durch die bösen Medien ihren Opa verloren und ist dann in den sozialen Abgrund gefallen.

Immerhin sind einige Szenen des Films tatsächlich witzig, so dass man ab und zu von „sinnfreier Unterhaltung“ sprechen kann, der Rest des Films ist eine Beleidigung für den Zuschauer. Das Thema wurde geradewegs verfehlt. Dieser Film hebt sich keinen Millimeter von einem plumpen TV-Film ab. Im Gegenteil! Wenn Weingartner glaubt, mit solchen Filmen die Welt retten zu wollen: Gute Nacht!

nur 2/10 Pillen zur Entwöhnung

(ebenfalls auf kino.de)