Eastern Promises (Tödliche Versprechen)

Viggo – The Show

David Cronenberg macht neuerdings sogenannte Mainstream-Filme. Ob er damit mehr Erfolg hat als früher, ist nicht wirklich sicher. Er ist – nicht zuletzt durch die „aggressivere“ Vermarktung – zumindest mehr Menschen bekannt. A History Of Violence könnte man in dieser Hinsicht als kleinen Erfolg verbuchen. Nun versucht Cronenberg also mit Eastern Promises daran anzuschließen und setzt dabei mit Viggo Mortensen auf den selben Hauptdarsteller. Zumindest diese Personalie kann man als geglückt bezeichnen, auch wenn sonst einige Kritikpunkte das Gesamtbild trüben.

Thematisch befinden wir uns wieder im Verbrechermilieu. Diesmal hat es Cronenberg die russische Mafia von London angetan. Geburtshelferin Anna Khitrova (Naomi Watts) findet bei einer sterbenden Schwangeren ein Tagebuch. Das Kind wird gerettet, die Mutter stirbt. Mit Hilfe des Tagebuchs versucht Anna Verwandte des Babys zu finden. Erster Anlaufpunkt ist ein russisches Restaurant, dessen Chef Semyon (Armin Mueller-Stahl) sich Anna annimmt. Sein zwielichtiger Fahrer Nikolai (Viggo Mortensen) hat derweil alle Hände damit zu tun, Semyons Sohn Kirill von krummen Geschäften abzuhalten, die er hinter dem Rücken seines Vaters macht. So gerät Anna noch unwissend in die Londoner Unterwelt, in der die russische Mafia ein Wörtchen mitzureden hat.

Atmosphärisch ist Cronenberg kaum etwas vorzuwerfen. Düstere Sets in Dunkelheit und Regen und die nötige Härte in der Gewaltdarstellung sorgen für die entsprechende Wirkung beim Zuschauer. Inhaltlich verkommt der Film aber zu einer Ein-Mann-Show. Viggo Mortensen lässt als mysteriöser Fahrer die „coole Sau“ heraus. Er macht seine Figur zu einer äußerst faszinierenden Erscheinung, die alle anderen Charaktere in den Schatten stellt. Diese sind dagegen nicht mehr als plakative Abziehbilder. Mueller-Stahl gibt den üblichen Mafiaboss, der ganz lieb zu seiner Familie sein darf, wenn es um die Geschäfte geht, aber äußerst gewissenlos zu Werke geht. Faszinierend an dieser Stelle allerdings, dass diese Taten Semyors nur im Geiste des Betrachters entstehen, da es Cronenberg geschickt vermeidet, sie direkt zu zeigen.

Sohn Kirill wird durch Vincent Cassel verkörpert, der mal wieder völlig durchgeknallt und böse sein darf. „Schaut her, wie unsympathisch dieser Typ doch ist!“ wird dem Zuschauer immer wieder aufgezwungen. Nicht anders sieht es mit Krankenschwester Anna aus, die nur das Wohl des Kindes im Sinn hat und sonst sexy mit dem Motorrad durch London düst. Naomi Watts versteht es aber dennoch im Rahmen der Möglichkeiten erstaunlich gut, eine Balance zwischen der Zerbrechlichkeit und des selbstbewussten Engagements ihrer Figur herzustellen.

Ohne noch mehr von der Geschichte verraten zu wollen, bleibt es inhaltlich in den genreüblichen Bahnen. Das Erzähltempo ist nicht sonderlich hoch, da sich Cronenberg auch mehr auf Atmosphärisches konzentriert. Leider gibt es kaum Überraschungen. Einzig mit plötzlichen Gewaltausbrüchen kann Cronenberg beeindrucken. Es geht dabei aber weit weniger schlimm zu als in aktuellen Horrorfilmserien wie Hostel oder Saw. Somit kann der Film auf diesem Gebiet keine Exklusivität beanspruchen. Die Gewaltdarstellung ist hier auch nur einfaches Element der Geschichte. In Mafiakreisen geht es nun mal nicht zu, wie auf dem Weihnachtsmarkt. So kann man Eastern Promises als schönen Kontrast zum kitschigen Weihnachtsprogramm sehen.

Den Damen sei noch in zeitgemäßer Journalistensprache gesagt: Viggo Mortensen zieht blank! Allerdings wird sich die holde Weiblichkeit wenig an seiner Nacktheit ergötzen können, da die „äußeren Umstände“ der Szene nicht so ansehnlich sind. Dieser kleine Einwurf soll aber nur verdeutlichen, wie „normal“ und alltäglich Cronenberg mit vermeintlichen Tabus umgeht, was ich als positiv ansehe.

Eastern Promises (Tödliche Versprechen) glänzt mit Atmosphäre und einem Viggo Mortensen in Höchstform. Figurenzeichnung und einige Drehbuchschwächen trüben aber den Gesamteindruck etwas. Wer darüber hinweg sehen kann, darf sich auf einen klassischen Mafiathriller im dreckig-kalten Londoner Untergrundmilieu freuen, in dem die Russen von Europäern gespielt werden und (zumindest in der Originalversion) ausgerechnet der Amerikaner Mortensen das beste Russisch spricht.

6/10 Pillen zur Entwöhnung

(Besprechung bezieht sich auf die OV)

(auch auf kino.de)

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Eine Antwort to “Eastern Promises (Tödliche Versprechen)”

  1. Bei Naomi Watts bin ich sogar etwas negativer. Von mir aus haette man da irgendeine blonde Frau einsetzen koennen, die serioes wirkt.
    Blond daher, damit sie auffaellt unter all den dunklen Szenen und Personen.

    Der Film kommt bei mir in der Rangliste ganz weit oben.

    Eigenes Bild vom Film.

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