Königreich der Himmel

Heute wieder mal eine ältere Kritik von mir. Ich bleibe damit beim Thema der letzten hier veröffentlichten Kritiken. Es geht wiederum um einen Historienschinken:

Inthronisierung menschlicher Werte

kdh11Was ist die Intention, ein Historienepos zu drehen? Anerkennung, eine solche logistische Aufgabe zu meistern? Ruhm, mit einem Monumentalwerk in den Olymp der Filmemacher aufzusteigen? Einfach nur das Publikum zu unterhalten? Simple, pure Geldgier? Bei Ridley Scott, dem Regisseur von Königreich der Himmel, scheint mir keine dieser Varianten im Vordergrund gestanden zu haben. Er hat es nicht mehr nötig, um Anerkennung zu kämpfen. Scott ist spätestens seit GLADIATOR ein hochgeschätzter Regisseur. Der reine Unterhalter ohne Tiefgang war er sicher nie und pure Geldgier unterstelle ich ihm auch nicht. Scott ging es bei Königreich der Himmel vielmehr augenscheinlich um die Vermittelung der Unvergänglichkeit menschlicher Grundwerte, die das Zusammenleben von verschiedenen Völkern und Glaubensgemeinschaften erst ermöglichen. Dieses Anliegen machte er nicht primär an der Geschichte eines einzelnen Menschen fest, sondern an historischen Ereignissen, welche Auswirkungen bis in die heutige Zeit haben – den Kreuzzügen.

Regisseur Ridley Scott und Drehbuchautor William Monahan benutzten die Ereignisse und Personen in der Zeit zwischen zweitem (1147-1149) und dritten Kreuzzug (1189-1192) kurz vor der Eroberung Jerusalems durch Saladin 1187. Dabei hielten sie sich recht nah an die Daten und Fakten, nahmen sich für ihre Hauptperson aber die Freiheit von Filmemachern heraus, Details hinzuzufügen oder leicht zu verändern. Balian von Ebelin gab es wirklich. Er erbte von seinem Vater tatsächlich Land bei Jerusalem und war auch an den Verhandlungen mit Saladin um Jerusalem beteiligt. Scott lässt seinen „Helden“ am Anfang ein für diese Zeit typisches Schicksal erleiden. Seine Frau nimmt sich nach dem Tod ihres Kindes das Leben und „muss“ dafür in der Hölle schmoren. Der völlig desillusionierte Balian (Orlando Bloom) bringt in seinem Frust einen Priester um und ist eigentlich dem Tode geweiht. Doch von seinem Vater Godfrey (Liam Neeson) überredet und den ritterlichen Werten verfallen, zieht es ihn, wie so viele andere gescheiterte Schicksale nach Jerusalem ins geheiligte Land. Viele der Kreuzritter hatten daheim nichts mehr zu verlieren, strebten nach Höherem oder waren einfach nur Träumer (vom Hufschmied zum Edelmann quasi). Das Alles handelt Scott zwar recht schnell, aber dennoch dank beeindruckender Bilder überzeugend und einprägsam ab.

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In Jerusalem angekommen, nimmt sich Scott einige Zeit, Balian dem Publikum näher zu bringen. Balian zeigt sich edelmütig und verschont den vermeintlichen Diener eines Moslemführers. Er sorgt für den wirtschaftlich Aufschwung seiner Ländereien. Politisch tritt Balian in die Fußstapfen seines Vaters und steht Tiberias (Jeremy Irons) nahe, der auf friedliches Zusammenleben der Kulturen aus ist. Mit der Liebe zu Sibylla (Eva Green), bewegt sich Scott wieder etwas weg vom geschichtlich Verbürgten, nutzt diesen Kniff aber, um Balian vor eine Gewissensentscheidung zu stellen. Bleibt er seinen Idealen treu oder bringt er Opfer, um andere Opfer zu vermeiden. Genauer: Lässt er Guy de Lusignan (Marton Csokas), der nach der Macht strebt und Krieg will, töten und verhindert damit weiteres Unheil, oder behält er seine „Ritter-Ehre“ und begeht keinen Mord.

Wie diese Geschehnisse zeigen, ist der gesamte Film darauf aufgebaut, die menschlichen Werte von Toleranz und Nächstenliebe zu vermitteln. Davor müssen auch einmal Dinge zurückstehen, die diesem Ziel nicht dienen. Scott zeigt die ihm wichtigen Themen und dazu gehört eben beispielsweise nicht eine ellenlange Vorgeschichte der Hauptfigur Balian. Die vielleicht unerreichbaren Ideale werden verständlich angesprochen und das Scheitern ihrer Durchsetzung in gewissem Maße aufgezeigt. Der Filmtitel „Königreich der Himmel“ verdeutlicht dies schon im Vornherein. Trotz dieser Unerreichbarkeit plädiert der Film für die heute noch aktuellen Ideale/Werte und stellt sich klar gegen religiösen Eifer und Ausgrenzung Andersdenkender. Die Auswirkungen der Geschehnisse damals reichen bekanntlich bis in die heutige Zeit. Das Gebiet ist aktuell immer noch Krisenregion. Ebenso gibt es heutzutage eine Art von „Kreuzzügen“ mit ähnlichem Gedankengut.

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Bei der Umsetzung bleibt Scott den Stilmitteln des Genres treu, streift sie zum Teil auch nur. Die Bilder der historischen Stätten sind imposant. Am Anfang versteht es Scott ebenso perfekt, die Stimmung Balians mittels Bildern bzw. Farbgebung zu vermitteln. Die Szenen der üblichen rauhen Gewalt sind vorhanden, aber sehr kurz und heftig. Die Auswirkungen von Krieg werden trotz der Kürze der Kriegsszenen beeindruckend vermittelt. Es spritzt ordentlich Blut. Aber auch mit ruhigen Bildern trifft Scott den Nerv, man denke an die vielen Vögel über dem Feld der Toten. Scott konzentriert sich nicht auf große Schlachten mit viel Gemetzel, sondern schneidet nur an, um sein Anliegen zu zeigen. Bloom macht seinen Job in meinen Augen gut. Er spielt erfreulich zurückhaltend und keinesfalls kraftmeierisch pathetisch. Eva Green überzeugt in ihren kurzen Momenten mit großer Ausstrahlung und verhilft so ihrer kleinen Rolle zu etwas Glanz. Die Nebenrollen sind ausgezeichnet besetzt, niemand „fällt aus der Rolle“.

Manch einer mag sich über den schnellen Aufstieg von Balian wundern. Es war damals aber Gang und Gebe, dass Edelleute uneheliche Kinder hatten, die plötzlich alles erbten. Und gerade unter den Kreuzrittern fingen viele bei Null an und konnten sich im Kriege zu Ruhm und Ehre kämpfen. Eine Frage, die man sich noch stellen könnte: Ist Balian zu jung? Doch die Frage müsste eher lauten: Sind die anderen nicht zu alt?! Der Film spielt immerhin in einer Zeit, in der man schon mit 3 Jahren König werden konnte! Ebenso bleiben das Gerede von Gott und andere Schwülstigkeiten im äußerst angenehmen Rahmen, wenn man bedenkt, dass es sich um Kreuzzüge im Namen Gottes unter dem Kreuze handelte. Auch die Ansprache Balians vor dem Volk ist erfreulich kurz und unpathetisch. Dennoch verdeutlicht sie nochmals die politische Lage und unterstützt damit die Aussage des Films.

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Scott bleibt also immer seinem Titel „Königreich der Himmel“ treu und verliert sich nicht in einer vor Erscheinen des Films von vielen erwarteten Heldensaga über einen Kreuzritter oder in plumpen Schlachtengemetzel. Einzig allein die Aussage zählt. An einigen Stellen des Films fehlte mir die Würze, der gewisse Esprit in der Geschichte oder vielleicht der Umsetzung, im Endeffekt ist der Film aber genau das, was man von Scott erwarten konnte – ein technisch perfekt gemachter Film, dabei zumindest in der Nähe des Genres und mit einer vernünftigen Aussage, die durchaus aktuell und kritisch ist.

m09

4 Antworten to “Königreich der Himmel”

  1. Schöne Kritik zu einem sehr guten Film. Gerade deine Meinung bezüglich der sinnvollen und gesellschaftlich relevanten Aussage teile ich voll und ganz. Deshalb ist „Kingdom“ imho auch besser als „Gladiator“, die zwar beide extrem gut unterhalten und technisch super gemacht sind, jedoch hat „Kingdom“, wie gesagt, an dieser Stelle die sinnvollere Message.

    Allerdings würde ich die hohe Bewertung von „Kingdom“ nur in Bezug auf den ungleich längeren, stimmigeren und runden Director’s Cut gelten lassen. Leider ist nicht ganz ersichtlich auch welche Version du die Rezension beziehst, aber aus dem Statement: „Eva Green überzeugt in ihren kurzen Momenten“ schließe ich, dass du die Kino-Version meinst. Solltest du den Director’s Cut noch nicht gesehen haben, dann sei dir an dieser Stelle gesagt, dass dies wirklich ein ganz anderer Film ist, den du lieben wirst, wenn du die Kino-Version schon so zu goutieren weißt.

    Leichten Widerspruch würde ich jedoch bezüglich deiner Einordnung von Orlando Bloom anbringen wollen, der es zwar nicht vermasselt, nichts desto trotz jedoch BEI WEITEM der Sschwächste in einem sansonsten ganz und gar hervorragenden Cast ist. Imho bringt Jeremy Irons mit Abstand die beste Leistung.

  2. C.H., danke für’s Lob! Ich kenne beide Versionen, die ich jeweils mehrmals gesehen habe. Der DC ist sicher der rundere Film, die Kinoversion hat mir aber auch sehr gut gefallen. Meine Bemerkung zu Bloom bezog sich eher auf die damalige Kritik an ihm. Er war sicher nicht der beste Darsteller im Film, aber auch Scott war sehr zufrieden mit ihm. Seine Rolle ist zudem so angelegt, dass sie kaum zum Overacting taugt. Balian ist eher ein in sich gekehrter Charakter. Der Film ist außerdem nicht auf großes Pathos ausgerichtet. Eva Green hat auch im DC keine Hauptrolle. Im Vergleich zu ihren größeren Rollen in DIE TRÄUMER oder CASINO ROYALE, wo sie ausgiebig glänzen konnte, sind ihre Momente hier im Vergleich eben kurz!

  3. Schluck-Hust-Duck-und-Weg

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