Archiv für Filmkritik

Inglourious Basterds

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , , on Montag, 24. August 2009 by mediensucht

inglourious_basterds_1Quentin Tarantino ist neben M. Night Shyamalan und Michael Mann wohl einer der missverstandensten Regisseure unserer Zeit. Kill Bil 2, Death Proof und nun wieder Inglourious Basterds rufen zum Teil Unverständnis hervor, hauptsächlich geschürt durch falsche Erwartungen. Dabei sollte doch schon seit Reservoir Dogs klar sein, worauf es Tarantino ankommt. Und das sind eben nicht nur flotte Sprüche und Splatteraction. Regelmäßige Verwirrung stiften dabei auch die Vorabtrailer, die etwas anderes suggerieren und damit vielleicht Publikum anlocken, das nur enttäuscht werden kann. So gesehen verwundern die nicht erwartungsgemäßen Zuschauerzahlen der letzten Tarantinofilme wenig. Ich zähle mich inzwischen gern zu den „Tarantinojüngern“ und gebe daher zu, nicht ganz objektiv an das Thema heranzugehen. Andererseits laufe ich dabei auch Gefahr, dass meine hohen Erwartungen enttäuscht werden. Zum Glück war das bei Inglourious Basterds nicht der Fall – im Gegenteil!

Tarantino probiert sich immer wieder gern an neuen Genres des Films und bedient sich dabei ebenso gern zahlreicher Filmzitate aus der Filmgeschichte. Nach Gangsterfilm, Pulp Fiction, Black Power-Hommage, Rache-Epos und 70er-Trash-Referenz sehen wir nun Tarantinos Version eines Kriegsfilms. Der ausgewiesene Film-Nerd belässt es aber nicht bei einem Genre, sondern vermischt seinen Kriegsfilm mit Western und – thematisch naheliegend – mit deutschen Vorkriegs- bzw. Nazifilmen. Der Westerneinschlag ist unübersehbar und berührt damit uramerikanische Freiheitsgefühle. Die titelgebenden „Inglourious Basterds“ sind ein Haufen jüdischer „Cowboys“ und ihr nuschelnder Anführer Aldo Raine (Brad Pitt), die ins nazibesetzte Frankreich eingeschleust werden und fortan auf Nazijagd gehen. Sie sollen bei den Nazis Angst und Schrecken verbreiten, was sie mit ihren brutalen Methoden auch schaffen. Ganz uramerikanisch skalpieren sie ihre Opfer, was Tarantino auch genüsslich zeigt. Krieg ist eben kein Zuckerschlecken. Faszinierend dabei ist, dass es sich bei den Basterds vorwiegend um durchgeknallte Milchbubis handelt. Der psychisch labilen Naziführung mit ihren 08/15-Visagen werden ebenso durchgeknallte Normalos gegenübergestellt.inglourious_basterds_2

Die Basterds sind aber – entgegen den Vermutungen, die man nach Ansicht der Trailer haben könnte – nur ein kleiner Teil des in fünf Kapitel eingeteilten Films. Eigentlicher „Star“ des Films ist SS-Oberst und Judenjäger Hans Landa, der von Christoph Waltz so meisterhaft gespielt wird, dass er alle anderen Mitwirkenden in den Schatten stellt. Landa ist der Gegenentwurf zu den Basterds. Er handelt intelligent und gerissen, verlegt den Terror in den Kopf der Opfer und ist damit weit unberechenbarer als die Basterds. Schon das erste Kapitel ist auf psychischer und inszenatorischer Ebene eine Wucht. Inszeniert wie ein Revolverduell im Wilden Westen, versucht Landa einen französischen Bauern nach dem Versteck einer jüdischen Familie auszufragen. Es dominieren Detailaufnahmen, die auch kleineste Gefühlsregungen in den Gesichtern zeigen. Landa ist ruhig und freundlich, der psychologische Druck, den er ausübt, aber gewaltig. Sergio Leone hätte seine Freude an der Szene.

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Achtung: Spoiler – Der nächste Abschnitt verrät das Ende des Films.
Als die Naziführung in einem kleinen französischen Kino die Premiere eines Heldenfilmes feiern will, bietet sich den Basterds die einmalige Chance, die komplette Führungsriege der Nazis mit einem Schlag auszulöschen. Sogar Hitler höchstpersönlich hat sein Erscheinen angekündigt. Allerdings stellen sich die Basterds alles andere als clever an. Auch die französische Kinobesitzerin plant – vorwiegend aus Rachegelüsten gegen die Mörder ihrer Familie – eine feurige Überraschung. Natürlich ist es konsequent von Tarantino, dass am Ende beide Pläne aufgehen und die Geschichte umgeschrieben wird. Damit kann ich zwar leben, das Scheitern der Basterds und der Triumph der Kinobesitzeren hätten mir aber besser gefallen. Cleverness siegt über rohe Gewalt. Wunderbar dagegen die Wahl der Örtlichkeit. Tarantino opfert „sein“ Kino, um das Übel zu vernichten. Auch in der Inszenierung des Showdowns bedient sich Tarantino bei den großen deutschen Filmen der Vorkriegszeit (z.B. Metropolis).
Spoiler-Ende

Neben Waltz sind noch eine Reihe anderer deutschsprachiger Schauspieler zu sehen, die aber mehr oder weniger hinter Waltz abfallen. Am Nahesten kommt ihm noch August Diehl, der einen ähnlich cleveren SS-Mann spielt. Diane Heidkrüger (fka. Kruger) als deutsches Starlet steht im Schatten von Mélanie Laurent, die als Kinobesitzerin Shoshanna Dreyfus nicht nur optisch fasziniert. Tarantinos Kumpels Brad Pitt und Eli Roth dürfen sich mal austoben und nach Herzenslust nuscheln bzw. ballern. Mit Robert Richardson an der Kamera lässt Tarantino optisch nichts anbrennen. Musikalisch bedient er sich bei Altbekanntem – Westernklänge, die es etwa schon in Kill Bill 2 ähnlich zu hören gab, und martialisches Schlachtengetöse deutscher Propagandafilme.

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Quentin Tarantino liefert mit Inglourious Basterds einen für ihn typischen Film ab – mit all den Zitaten und Selbstzitaten –, lässt aber eine Entwicklung und vor allem eine qualitative Steigerung erkennen. Optisch waren seine Filme immer schon sehenswert, besonders erwähnenswert sind bei Tarantinos neuestem Werk aber die ausgefeilten Dialoge, die interessanten Charaktere und auch eine gewisse inhaltliche Tiefe, die den Zuschauer auch noch eine Zeit lang nach der Sichtung mit dem Film beschäftigt (so denn der Zuschauer überhaupt dazu fähig ist). Ein großes Kompliment geht nochmals an Christoph Waltz, den man für seine Leistung mit Preisen überschütten sollte. Und damit nehme ich das Wort dann auch in den Mund und bezeichne „Inglourious Basterds“ als Meisterwerk.

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Star Trek (2009)

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , , , , on Dienstag, 12. Mai 2009 by mediensucht

Star-Trek-1Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er gewöhnt sich an so ziemlich alles. Der Kinozuschauer muss neuerdings immer mehr schlechte Filme ertragen (Frühjahrsloch?), darum soll es hier aber zum Glück nicht gehen. Kinofilmserien sind eher selten. In den letzten Jahren gab es davon eigentlich nur zwei. James Bond steht schon seit den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts in über 20 Filmen seinen Mann. Ende der 70er hatte dann Star Trek: Der Film Premiere. Die auf einer Fernsehserie basierende Reihe brachte es mit größeren Pausen auf 10 Filme. Bei Paramount hatte man sich an die Einnahmen aus den Star Trek-Filmen und den Serien gewöhnt. Nachdem aber die Prequel-Serie Enterprise trotz guter Qualität im TV scheiterte und die „Nächste Generation“ im Kino schon zu alt war, entschied man bei Paramount, ausgerechnet dem „Serientäter“ J.J. Abrams, der zuvor eigentlich mit Star Trek nichts am Hut hatte, das Heft in die Hand zu geben. Wie bei Bond dachte man an ein Prequel, frei nach dem neuerdings modernen Rezept: Wie alles begann …!

Es ist ein großer Vorteil der Produktionen aus Amerika, dass man, wenn einmal Malz und Hopfen verloren sind, gern etwas riskiert, um den Karren aus dem Dreck zu holen. Abrams bekam weitestgehend freie Hand. Seine Drehbuchautoren schrieben eine Paramountvorlage nach Abrams Wünschen um. Aus Sorge vor unfreiwilliger Komik sollte echter Humor ein Bestandteil werden. Um eine gute Portion Action muss man sich bei Abrams sowieso keine Sorgen machen. Bei den Hauptrollen entschied man sich gegen die großen Namen (Matt Damon war einmal als Kirk im Gespräch) und für größere Ähnlichkeit zu den Originalcharakteren. Ganz unbekannt sind die Schauspieler aber nicht, die wir auf der Leinwand zu Gesicht bekommen. Man griff beispielsweise im Pool der Seriendarsteller zu. Heroes-Bösewicht Zachary Quinto kommt nicht nur einem jungen Spock sehr nahe, er hat auch kaum noch etwas mit dem Heroes-Monster Sylar gemeinsam. Herr der Ringe-Eomer Karl Urban spielt „Pille“-McCoy, Shaun of the Dead Simon Pegg gibt den Scherzkeks Scotty, House-Blondine Jennifer Morrison gebärt als Kirks Mutter. Als letzter Posten wurde Chris Pine (debütierte in Emergency Room) als Kirk gecastet, der seine Sache ordentlich macht. Neben Leonard Nimoy, der eine kleine Rolle als alternder Spock hat, ist Eric Bana als Bösewicht Nero der einzige große Name des Ensembles.

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Die Geschichte an sich ist eine typische Sciencefictionstory mit den fast schon üblichen Raum-Zeit-Spielereien. Das Schöne ist aber, dass sich Abrams neben all der für Star Trek fast schon unüblichen Action Zeit für seine Charaktere nimmt. Zwar kann nicht jedes Mitglied der Crew ausführlich beleuchtet werden, doch gerade Kirk und Spock kommen dem Zuschauer erstaunlich nahe. Natürlich gibt es noch ausreichend Raum für Fortsetzungen. Die Mischung stimmt hier aber schon hervorragend. Dialoge und Actionszenen sind ausgezeichnet getimt. Übermäßig viele Gedanken über die Rachegeschichte des Nero sollte man sich allerdings nicht machen. Sie dient wirklich nur als Aufhänger, uns die Charaktere näher zu bringen und vor allem die Beziehungen der Figuren untereinander anzulegen und auszubreiten.

Der Neubeginn von Star Trek ist also insgesamt als durchaus gelungen zu bezeichnen. Abrams macht vieles richtig und nur wenig falsch. Der Film überzeugt durch gute Action, Humor und Charaktertiefe, ist spannend und dynamisch erzählt. Das Setting ist durch gut gemachte Spezialeffekte realistisch (im Rahmen eines Sciencefictionfilms), nur das Drehbuch ist an einigen Stellen zu chaotisch und platt. Wenn man sich hier bei einer Fortsetzung etwas mehr an die Grundgedanken der Serie (Moral, Ethik) hält und dennoch den äußerst unterhaltsamen Charakter dieses Films beibehält, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß und empfehle den Film (auch  Nicht-Trekkies) weiter.

m09

Kinsey – Die Wahrheit über Sex

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , on Dienstag, 20. Januar 2009 by mediensucht

Doppelmoral damals und heute

Mr. Kinsey, könnten Sie sich vorstellen, Ihr Buch zu verfilmen? – Nein, das wäre ja nun der größte Blödsinn!

kinsey1… zumindest hat man es mit Ihrem Leben gemacht, Mr. Kinsey, und damit Ihre für damalige Verhältnisse revolutionäre Arbeit gewürdigt. Der am 23.Juni 1894 geborene Alfred Charles Kinsey wächst in einer strengen Familie auf. Besonders der Vater ist erzkonservativen Werten verfallen und predigt sie bei jeder Gelegenheit. Nach erfolgreichem Biologie- und Psychologiestudium wird Kinsey 1929 Professor für Zoologie in Indiana und etabliert sich als anerkannter Insektenforscher. Er heiratet Clara McMillen (Laura Linney), mit der er drei Kinder hat. Erst 1936 widmet sich Kinsey der Sexualforschung mangels vorhandener wissenschaftlicher Erkenntnisse. Er führt mit seinen Mitarbeitern große Befragungen durch. 1947 wird das erste Buch über die männliche Sexualität veröffentlicht, was auch prompt einen Skandal auslöst …

Wenn man heute nach Amerika schaut, wo ein entblößter Busen von Janet Jackson einen großen Skandal auslöst, aber jeder seinen Nachbarn erschießen darf, kann man sich vorstellen, wie es in der Mitte des letzen Jahrhunderts aussah. Masturbation macht blind bzw. „die Birne weich“ und Oralsex unfruchtbar. „Every sperm is sacred …“ etc. Doch wie immer gibt es zwei Seiten der Medaille. Nach Außen hin gibt es nur Geschlechtsverkehr nach der Eheschließung und möglichst nur in einer Stellung. Die Befragungen brachten aber ganz andere und vor Allem wildere Verhaltensweisen zu Tage. Trotz großem Skandal trug Kinsey zur Aufklärung bei und entkriminalisierte vieles „Normales“ in der Sexualität. Regisseur und Drehbuchautor Bill Condon, der sich 5 Jahre Zeit für seine Recherchen nahm, würdigt die Verdienste dieses großen Wissenschaftlers Alfred Kinsey.

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In den USA hat der Film vielleicht noch eine gewichtigere Rolle als in Europa. Hier ist die sexuelle Revolution schon vorbei und der Film dient „nur“ als interessantes Porträt eines interessanten Mannes. In den USA sieht es da schon etwas anders aus. Der Unterschied zwischen Realität und von der Öffentlichkeit vermittelten Realität ist immens. „Doppelmoral“ ist hier das gebräuchliche Wort. Dort sind die Bücher von Kinsey immer noch aktuell/nötig und ein solcher Film auch eine Art Aufklärung. Wie immer in solchen Fällen wird er aber das betreffende Publikum gar nicht erreichen, da diese Leute sich den Film überhaupt nicht ansehen. Vor dem Filmstart gab es wieder die üblichen erhitzten Diskussionen ausgehend vom konservativen Lager. Der Film floppte prompt an den amerikanischen Kinokassen.

Die von Condon gewählte Erzählweise und damit Präsentation von Kinseys Leben ist zwar nicht revolutionär, aber durchaus erfrischend. Condon arbeitet mit einigen Zeitsprüngen und bedient sich eines Mittels, was auch bei Kinsey (Liam Neeson) exzessiv Verwendung fand – der mündlichen Befragung. So gibt Kinsey höchst selbst Details seines Lebens und Liebeslebens preis. Immer wieder eingeflochten werden auch die Probandenbefragungen, die Kinsey und Co durchführten. Diese gehören zu den witzigsten Stellen des Films. Heutzutage kann man über die altmodischen Moral- und Sexualvorstellungen nur lachen, damals war ein Kinsey nötig, um aufzuklären. Die Antworten der Probanden sind so zusammengeschnitten, dass sie fabelhaft unterhalten, aber auch ein Bild der damaligen Gesellschaft geben.

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Condon stellt Kinsey keineswegs als Heldenfigur dar. Er zeigt auch die Schattenseiten seiner Wissenschaft und seiner revolutionären Moralvorstellungen. In der Familie und zwischen den Mitarbeitern kommt es zu Spannungen. Auch übertreibt es Kinsey etwas mit der Freiheit der Liebe und der „Befreiung der Gesellschaft“. Einige Ereignisse wurden von Condon vielleicht etwas überhastet abgearbeitet. So entsteht nicht immer die nötige psychologische Tiefe, um so einen Mann richtig kennen zu lernen. Sicher muss man dabei auch Kompromisse eingehen. Mir fiele jetzt keine überflüssige Szene ein, die man hätte herausnehmen können, um anderes zu vertiefen. Mit etwa 2 Stunden hat der Film auch eine optimale Länge.

Der Film besticht durch intelligente Dialoge und ausgezeichnete Schauspieler. Liam Neesen ist wieder in einer Glanzrolle zu sehen und ist wohl der ideale Kinsey. Auch die Nebenrollen sind stark besetzt, allen voran Peter Sarsgaard (Garden State), der „vollen“ Körpereinsatz zeigt und Laura Linney als Kinseys Frau, die als ruhiger „Gegenpol“ zu sehen ist. Die große Zeitdistanz wird glaubwürdig durch eine gute Maske übermittelt, wenn auch ab und zu „Maske“ zu sehen ist.

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Ich habe einen eher trockenen und langatmigen Film erwartet und wurde positiv überrascht. Der Film ist erfrischend und nie langweilig. Er bietet ein interessantes Porträt von Alfred Kinsey, aber auch der Gesellschaft im damaligen Amerika. Sicher sind Kinseys Ansichten heute wieder etwas überholt und nicht mehr allgemeingültig, doch hat mir der Film einen guten Einblick in Kinsey Arbeit verschafft und auch die gesellschaftlichen Auswirkungen erahnen lassen, die seine Forschung nach sich zog. Nicht zuletzt die freie Liebe der 68er haben wir zu einem gewissen Maße Kinsey zu verdanken. An die schwüle Atmosphäre eines Quills kommt Kinsey sicher nicht heran, was natürlich auch nicht beabsichtigt ist. Kinsey ist nicht de Sade, aber dennoch der Protagonist eines guten Filmes mit dem gleichen Namen.

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Königreich der Himmel

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , on Donnerstag, 8. Januar 2009 by mediensucht

Heute wieder mal eine ältere Kritik von mir. Ich bleibe damit beim Thema der letzten hier veröffentlichten Kritiken. Es geht wiederum um einen Historienschinken:

Inthronisierung menschlicher Werte

kdh11Was ist die Intention, ein Historienepos zu drehen? Anerkennung, eine solche logistische Aufgabe zu meistern? Ruhm, mit einem Monumentalwerk in den Olymp der Filmemacher aufzusteigen? Einfach nur das Publikum zu unterhalten? Simple, pure Geldgier? Bei Ridley Scott, dem Regisseur von Königreich der Himmel, scheint mir keine dieser Varianten im Vordergrund gestanden zu haben. Er hat es nicht mehr nötig, um Anerkennung zu kämpfen. Scott ist spätestens seit GLADIATOR ein hochgeschätzter Regisseur. Der reine Unterhalter ohne Tiefgang war er sicher nie und pure Geldgier unterstelle ich ihm auch nicht. Scott ging es bei Königreich der Himmel vielmehr augenscheinlich um die Vermittelung der Unvergänglichkeit menschlicher Grundwerte, die das Zusammenleben von verschiedenen Völkern und Glaubensgemeinschaften erst ermöglichen. Dieses Anliegen machte er nicht primär an der Geschichte eines einzelnen Menschen fest, sondern an historischen Ereignissen, welche Auswirkungen bis in die heutige Zeit haben – den Kreuzzügen.

Regisseur Ridley Scott und Drehbuchautor William Monahan benutzten die Ereignisse und Personen in der Zeit zwischen zweitem (1147-1149) und dritten Kreuzzug (1189-1192) kurz vor der Eroberung Jerusalems durch Saladin 1187. Dabei hielten sie sich recht nah an die Daten und Fakten, nahmen sich für ihre Hauptperson aber die Freiheit von Filmemachern heraus, Details hinzuzufügen oder leicht zu verändern. Balian von Ebelin gab es wirklich. Er erbte von seinem Vater tatsächlich Land bei Jerusalem und war auch an den Verhandlungen mit Saladin um Jerusalem beteiligt. Scott lässt seinen „Helden“ am Anfang ein für diese Zeit typisches Schicksal erleiden. Seine Frau nimmt sich nach dem Tod ihres Kindes das Leben und „muss“ dafür in der Hölle schmoren. Der völlig desillusionierte Balian (Orlando Bloom) bringt in seinem Frust einen Priester um und ist eigentlich dem Tode geweiht. Doch von seinem Vater Godfrey (Liam Neeson) überredet und den ritterlichen Werten verfallen, zieht es ihn, wie so viele andere gescheiterte Schicksale nach Jerusalem ins geheiligte Land. Viele der Kreuzritter hatten daheim nichts mehr zu verlieren, strebten nach Höherem oder waren einfach nur Träumer (vom Hufschmied zum Edelmann quasi). Das Alles handelt Scott zwar recht schnell, aber dennoch dank beeindruckender Bilder überzeugend und einprägsam ab.

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In Jerusalem angekommen, nimmt sich Scott einige Zeit, Balian dem Publikum näher zu bringen. Balian zeigt sich edelmütig und verschont den vermeintlichen Diener eines Moslemführers. Er sorgt für den wirtschaftlich Aufschwung seiner Ländereien. Politisch tritt Balian in die Fußstapfen seines Vaters und steht Tiberias (Jeremy Irons) nahe, der auf friedliches Zusammenleben der Kulturen aus ist. Mit der Liebe zu Sibylla (Eva Green), bewegt sich Scott wieder etwas weg vom geschichtlich Verbürgten, nutzt diesen Kniff aber, um Balian vor eine Gewissensentscheidung zu stellen. Bleibt er seinen Idealen treu oder bringt er Opfer, um andere Opfer zu vermeiden. Genauer: Lässt er Guy de Lusignan (Marton Csokas), der nach der Macht strebt und Krieg will, töten und verhindert damit weiteres Unheil, oder behält er seine „Ritter-Ehre“ und begeht keinen Mord.

Wie diese Geschehnisse zeigen, ist der gesamte Film darauf aufgebaut, die menschlichen Werte von Toleranz und Nächstenliebe zu vermitteln. Davor müssen auch einmal Dinge zurückstehen, die diesem Ziel nicht dienen. Scott zeigt die ihm wichtigen Themen und dazu gehört eben beispielsweise nicht eine ellenlange Vorgeschichte der Hauptfigur Balian. Die vielleicht unerreichbaren Ideale werden verständlich angesprochen und das Scheitern ihrer Durchsetzung in gewissem Maße aufgezeigt. Der Filmtitel „Königreich der Himmel“ verdeutlicht dies schon im Vornherein. Trotz dieser Unerreichbarkeit plädiert der Film für die heute noch aktuellen Ideale/Werte und stellt sich klar gegen religiösen Eifer und Ausgrenzung Andersdenkender. Die Auswirkungen der Geschehnisse damals reichen bekanntlich bis in die heutige Zeit. Das Gebiet ist aktuell immer noch Krisenregion. Ebenso gibt es heutzutage eine Art von „Kreuzzügen“ mit ähnlichem Gedankengut.

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Bei der Umsetzung bleibt Scott den Stilmitteln des Genres treu, streift sie zum Teil auch nur. Die Bilder der historischen Stätten sind imposant. Am Anfang versteht es Scott ebenso perfekt, die Stimmung Balians mittels Bildern bzw. Farbgebung zu vermitteln. Die Szenen der üblichen rauhen Gewalt sind vorhanden, aber sehr kurz und heftig. Die Auswirkungen von Krieg werden trotz der Kürze der Kriegsszenen beeindruckend vermittelt. Es spritzt ordentlich Blut. Aber auch mit ruhigen Bildern trifft Scott den Nerv, man denke an die vielen Vögel über dem Feld der Toten. Scott konzentriert sich nicht auf große Schlachten mit viel Gemetzel, sondern schneidet nur an, um sein Anliegen zu zeigen. Bloom macht seinen Job in meinen Augen gut. Er spielt erfreulich zurückhaltend und keinesfalls kraftmeierisch pathetisch. Eva Green überzeugt in ihren kurzen Momenten mit großer Ausstrahlung und verhilft so ihrer kleinen Rolle zu etwas Glanz. Die Nebenrollen sind ausgezeichnet besetzt, niemand „fällt aus der Rolle“.

Manch einer mag sich über den schnellen Aufstieg von Balian wundern. Es war damals aber Gang und Gebe, dass Edelleute uneheliche Kinder hatten, die plötzlich alles erbten. Und gerade unter den Kreuzrittern fingen viele bei Null an und konnten sich im Kriege zu Ruhm und Ehre kämpfen. Eine Frage, die man sich noch stellen könnte: Ist Balian zu jung? Doch die Frage müsste eher lauten: Sind die anderen nicht zu alt?! Der Film spielt immerhin in einer Zeit, in der man schon mit 3 Jahren König werden konnte! Ebenso bleiben das Gerede von Gott und andere Schwülstigkeiten im äußerst angenehmen Rahmen, wenn man bedenkt, dass es sich um Kreuzzüge im Namen Gottes unter dem Kreuze handelte. Auch die Ansprache Balians vor dem Volk ist erfreulich kurz und unpathetisch. Dennoch verdeutlicht sie nochmals die politische Lage und unterstützt damit die Aussage des Films.

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Scott bleibt also immer seinem Titel „Königreich der Himmel“ treu und verliert sich nicht in einer vor Erscheinen des Films von vielen erwarteten Heldensaga über einen Kreuzritter oder in plumpen Schlachtengemetzel. Einzig allein die Aussage zählt. An einigen Stellen des Films fehlte mir die Würze, der gewisse Esprit in der Geschichte oder vielleicht der Umsetzung, im Endeffekt ist der Film aber genau das, was man von Scott erwarten konnte – ein technisch perfekt gemachter Film, dabei zumindest in der Nähe des Genres und mit einer vernünftigen Aussage, die durchaus aktuell und kritisch ist.

m09

Alexander

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , on Freitag, 12. Dezember 2008 by mediensucht

alexander1Er wollte Ruhm und Ehre. Er wollte weltweite Anerkennung. Er wollte in die Geschichtsbücher eingehen. Und – er ist am Ende gescheitert. Die Rede ist von … Thomas Schühly, dem Geldgeber und Initiator des Filmes Alexander. Nicht Regisseur Oliver Stone hatte die Idee, einen Film über diese große geschichtliche Person zu machen, sondern Schühly. Der wollte damit in die oberste Liga der Produzenten aufsteigen. In Stone schien er den idealen Regisseur gefunden zu haben. Wie sein vormaliger Leibregisseur Fassbinder ist Stone ein positiv-irrer Filmschaffender. Schühly versorgte Stone mit den historischen Hintergrundwissen. Dieser sollte ein Drehbuch schreiben. Erst die vierte oder fünfte Version war Schühly genehm und hier liegt auch die Crux der Sache. Der Film ist leider nur ansatzweise ein richtiger Stone-Film, im Endeffekt doch zu brav und konservativ.

Über Alexander ist bisher ziemlich wenig bekannt. Als relativ gesichert gelten die politischen Geschehnisse der Alexanderzeit. Über die Persönlichkeit Alexander sind nur Bruchstücke erwiesen. So gibt es viele Optionen, diese Fragmente zu verarbeiten und zu interpretieren. Hierbei scheint Schühly seinem Regisseur Grenzen auferlegt zu haben, die dem Film eher schaden als nützen. Die Gespanntheit des Verhältnisses von Alexander zu seiner Mutter Olympias sollte eigentlich nicht ausgeführt werden. Schühly hat ebenfalls unter seiner Mutter gelitten und Schühlys vormaliger Schützling Fassbinder hatte ebenfalls unter seiner Mutter gelitten und Schühly wollte einen solchen Konflikt vielleicht nicht sehen. Doch gerade solche persönlichen Auseinandersetzungen machen eine Figur interessant.

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Der Film zeigt einen Konkurrenzkampf zwischen Mutter und Vater Alexanders, der vielleicht Rückschlüsse auf seine späteren Handlungen geben könnte. Schon Alexanders Mutter stellt ihren Sohn den Göttern gleich und prägt somit seine Einschätzung sich selbst gegenüber. Daraus entsteht einerseits Druck, diesem Bild gerecht zu werden, andererseits vielleicht auch Selbstüberschätzung. Auf der anderen Seite steht Alexanders Vater Philipp II., der seinem Sohn eine freiheitliche und moderne Erziehung durch Aristoteles gewährt. Der Vater sieht Alexander aber mit zunehmenden Alter auch als Konkurrenz für seinen Thron. Stone zeigt Alexanders Eltern als entscheidende Figuren für seine Entwicklung. In langen (teilweise zu langen) Gesprächen von Alexander mit den Eltern werden zum Teil eindrucksvoll, zum Teil kitschig, Hintergründe für sein Handeln präsentiert.

Angelina Jolie als Olympias ist meines Erachtens eine Fehlbesetzung. Einmal hilft ihr schlecht veränderbares Aussehen nicht sonderlich der im Laufe des Filmes stark alternden Figur. Zum Anderen neigt Jolie oftmals zum Overacting angesichts ihrer vermeintlichen Chance, wieder vom Thomb Raider-Image wegzukommen. Val Kilmer als Philipp II. kann überzeugen, was allerdings durch sein „maskiertes“ Gesicht (Bart und Narbe) nicht sonderlich schwer fällt. Die Beziehung von Alexander (Colin Farrell) zu Hephaistion (Jared Leto) wurde meiner Ansicht nach zu konservativ gestaltet. Alexanders homoerotische Neigung gilt als historisch gesichert. Sie hat sich aber nicht nur auf Hephaistion beschränkt. Alexander besaß einen wandernden Harem, in dem es sogar einen Eifersuchtsaufstand („Pagenverschwörung“) gab. Diese Seite Alexanders hätte man durchaus noch ausbauen können. Da waren Stone und Schühly aber wohl den Gesetzen des amerikanischen Marktes unterworfen. Sie mussten sogar schon einige Klagen diesbezüglich abwehren.

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Auch sonst ist der Film recht konservativ gehalten. Den Rahmen bilden die Aufzeichnungen des Ptolemaios (Anthony Hopkins), deren Wahrheitsgehalt aber in der Geschichtsforschung angezweifelt wird. Es ging Stone aber eher um eine zeitnahe Figur, die den Film authentisch wirken lassen sollte. Das Ganze erscheint somit etwas trocken und steif und passt nicht so richtig zum übrigen Film. Die chronologische Abfolge des Filmes könnte man als eigenwillig bezeichnen. Der Film ist aus Bruchstücken aus Alexanders Leben zusammengesetzt und wirkt daher wenig homogen. Die Musik von Vangelis ist an einigen Stellen passend und interessant eingesetzt. An vielen Stellen wirkt sie aber irgendwie deplaziert oder aufgesetzt, wie einfach nur von der CD eingespielt. Vielleicht hätte man einen guten professionellen Filmkomponisten engagieren sollen.

ALEXANDER weiß aber trotz der eben genannten Kritikpunkte an so einigen Stellen zu überzeugen. Die Ausstattung ist „realtitätsnah“. Dabei darf man die geschminkten Männer nicht mit dem Heute vergleichen und alle als Tunten abstempeln. Der Vergleich von Roger Ebert, dass Hephaistion wie eine Dragqueen aussieht, ist sicherlich übertrieben. Wie in anderen Kritiken zum Film gern gemacht, darf auch hier die Erwähnung der zwei Schlachten nicht fehlen. Erstere ist schon wegen ihrer Größe beeindruckend, auch wenn es Stone nicht immer gelingt, die Schlachtgeschehnisse logisch ins Bild zu setzen. So wirkt die Schlacht bei Gaugamela teilweise etwas verwirrend, durch ihr spritzendes Blut und die gute Kameraführung aber sehr realitätsnah. Die zweite Schlacht ist weitaus beeindruckender. Sie widmet sich voll und ganz Alexander. So versucht Stone durch ein imposantes Farbenspiel in die „brennende“ Seele Alexanders zu sehen, was wirklich fantastisch gelingt. Neben diesem Bombast wirken die vielen Dialoge des Filmes für einige Zuschauer wahrscheinlich schlichtweg langweilig, auch wenn sie natürlich zur Vertiefung von Alexanders Charakter dienen.

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Doch immer liefert Stone nur Ansätze, die nicht vertieft oder weitergesponnen werden. Leider kann man sich mit dem von Colin Farrell dargestellten Alexander nicht so richtig identifizieren. Vielleicht fehlt ihm ein Gegenpol, an dem er wachsen kann. Sein Widersacher Darius III. wurde leider in den schnellen Film-Tod geschickt. Nur am Ende bei der Indienschlacht kommt so etwas wie Verbundenheit mit Alexander auf. Als Todesursache legt Stone eine Vergiftung nahe. Die wirkliche Todesursache ist nicht wirklich bekannt. Es wird vermutet, dass Alexander am Fieber nach einem Schwächeanfall (Kriegsstrapazen) oder dessen Fehlbehandlung verstarb. Wie auch sonst ist Stone in diesem Fall auch nicht konsequent. Durchaus ansehnlich ist die eigentliche Todesszene mit dem fallenden Ring und den Halluzinationen.

So spaltet dieser Film die Kinozuschauer. Die historisch interessierten Kinobesucher werden sich an Stones/Schühlys Interpretation erfreuen, weil sie trotz aller Einschränkungen doch einigermaßen interessant ist und über das geschichtliche Bild hinaus geht. Die Optik ist außerdem beeindruckend. Die Filmseher, die sich viel Spannung und Action erhofft haben, werden enttäuscht sein. Stone provoziert zu wenig, bleibt zu konservativ. So gibt es tatsächlich Parallelen zwischen dem Team Stone/Schühly und Alexander. Sie wollten und haben Großes erschafft. Doch hinterlassen sie eine geteilte Nation. Nach Alexander gab es die Diadochenkriege um sein Erbe, die eine Teilung des Alexander-Reiches zur Folge hatten. Stone und Schühly hinterlassen ein geteiltes Kinopublikum. Ich bin ebenfalls hin- und hergerissen.

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Troja – Director’s Cut

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , , on Mittwoch, 3. Dezember 2008 by mediensucht

Eine Lanze für Troja

troja01Eine der bedeutendsten und bekanntesten Heldensagen der Antike ist Homers Ilias. In 15.693 Versen wird von Göttern und Helden im trojanischen Krieg erzählt. Nachdem mit Ridley Scotts Gladiator das Sandalen-Epos wieder salonfähig war, entschloss man sich bei Warner Bros Wolfgang Petersen mit der Verfilmung der Sage um Troja zu beauftragen. Da Homer mit dem Tode Hektors endete, bediente man sich noch in Auszügen an Vergils Aeneis, um eine geschlossene Geschichte zu bekommen. Im Originalstoff sind die Sterblichen eigentlich nur Spielbälle der Götter, die frei nach ihren Launen ohne Rücksicht auf Verluste mit den Schicksalen der von ihnen Abhängigen spielen. Eine Verfilmung, die sich genau ans Werk halten würde, wäre dem heutigen Publikum nicht zuzumuten, weil sie wahrscheinlich zu trocken, zu altmodisch, zu realitätsfern und nicht nachvollziehbar sein würde. So entschied man sich, die Götter aus der Geschichte zu streichen, ohne aber die wichtige Gottesfurcht der Beteiligten zu vergessen. Einige Entscheidungen der Protagonisten mussten auf einen realen Boden gestellt werden, da sie nun nicht willenlos durch die Götter vorgegeben sein konnten.

Die Transformation der Götterwelt ins die Realität ist dann auch sehr gelungen. Zum Untergang Trojas trug im Original maßgeblich das Urteil des Paris bei. Er wurde von Hermes aufgefordert, unter den Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite die Schönste zu wählen. Als er sich für Letztere entschied, schürte er den Hass bei Hera und Athene, die ihm nun nur noch Schaden zukommen lassen wollten. Die hasserfüllten Göttinnen führten fortan die Geschöpfe wie Figuren auf einem Schachbrett, nur um den Durst der Rache zu stillen. Im Film handeln die Menschen dagegen aus freiem Willen. Sie streben nach eigener Macht, nach der großen Liebe, sie agieren mit Ehre und zum Wohle ihres Volkes. Sie kämpfen aus Wut oder Rache und töten mit Hass. Alles nachvollziehbar und zutiefst menschlich.

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Viele abgewandelte Elemente machen die Geschichte noch tragischer, ihre Figuren noch interessanter. Hektor tötet Patrokles, hier Vetter und nicht einfacher Freund von Achilles, im Glauben, ihm stehe Achilles gegenüber. In der Vorlage wird Patrokles vom Gott Apollon entwaffnet, als er sich diesem widersetzt, und dann von Hektor getötet, der sich auch noch Achilles Rüstung bemächtigt. Hektor wird so im Film zur viel tragischeren Gestalt. Breseis ist im Film die Cousine von Hektor, im Original war sie nur die Lieblingssklavin Achilles’ und keine Trojanerin. Agamemnon wird am Ende durch Breseis getötet und nicht erst viel später durch seine Frau in der Badewanne. Das sind nur einige Beispiele, die verdeutlichen, dass es durchaus Sinn macht, Vorlagen abzuwandeln und die Änderungen zum Vorteil zu nutzen. Insgesamt ist der Film trotz dieser gelungenen Abwandelungen noch ausreichend nah an der Geschichte. Diese im Film erzählte Geschichte ist dann auch ganz klassisch auf Drama ausgelegt. Das Drama von Troja überlagert die Dramen der einzelnen Personen, deren einzige Hoffnung es ist, zu überleben oder zumindest als Helden die Ereignisse zu überdauern.

Großartig für mich die Einführung von Achilles. Er ist nicht der aalglatte Held, ihm widerstrebt die Rolle vielmehr zuweilen. Er befindet sich in einem Kampf mit sich selbst, ob er seinen Lebenssinn tatsächlich nur im Kampf suchen soll. So kommt er nur widerwillig zum großen Kampf mit dem stärksten Mann des Gegners. Hier spielt Petersen mit den Erwartungen des Zuschauers, der einen spannenden und länger dauernden Kampf mit dem Feind vermutet. Doch Achilles streckt seinen Kontrahenten nicht weniger beeindruckend nach eine Finte mit einem Dolchhieb in Sekundenschnelle nieder. Zack, die Tatsachen sind geschaffen. Achilles kämpft nicht gern, wenn er es aber tut, ist er der gefährlichste Krieger weit und breit.

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Auch das Setdesign orientierte sich an realen Vorgaben. Für Städtebauten und Schiffe nutzte man Erkenntnisse aus Ausgrabungen. Selbst das trojanische Pferd könnte so von Menschenhand aus eben jenen Materialien, die gerade vorhanden waren, gebaut worden sein. Die Ausstattung ist beeindruckend und damit eines klassischen Sandalen-Epos würdig. Die Effekte sind zeitgemäß gut. Die Filmmacher versuchten zum Glück, nicht nur mit Effekten zu beeindrucken, sondern steckten auch viel Mühe in altbekannte Handwerkskunst. Optisch hält man sich an die Genrekonventionen und verzichtet auf effekthascherische Mätzchen.

Bei der Besetzung leistet sich Petersen ein paar kleinere Schwächen. Dabei ist nicht etwa Brad Pitt als Achilles gemeint, dessen blonde Haarpracht zwar anfangs etwas verwirrt, er aber gut in das klassische Bild des antiken Helden passt. Auch der oft kritisierte Orlando Bloom als Paris ist nicht gemeint. Hier verwechselt man gern die Rolle mit dem Schauspieler. Bloom spielt den feigen Jüngling recht ordentlich. Diane Kruger (ehemals Heidkrüger) als Helena ist eine Fehlbesetzung. Sie sieht zwar nett aus, ihr schauspielerisches Können ist aber nur rudimentär vorhanden. Ebenso fraglich ist die Besetzung einiger Rollen mit augenscheinlich gesichtsgestrafften Schauspielern, die nun überhaupt nicht in einen solchen Film gehören. Um diesen Abschnitt wieder positiv enden zu lassen: Eric Bana glänzt abermals in seiner Rolle als Hektor. Er und Pitt leisten körperlich Schwerstarbeit. Ihr finaler Kampf ist zudem ausgezeichnet choreographiert. Die Bewegungen sehen modern aus, könnten aber auch prima in die Zeit der Antike passen.

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Troja erfindet das Rad nicht neu. Troja ist ein klassisches Sandalen-Epos, dass sich moderner Mittel bedient, die Zuschauer zu beeindrucken. Die Geschichte ist rund und spannend erzählt, opulent und beeindruckend umgesetzt. Bis auf einige Längen und schauspielerische Missstände ist der Film gerade aufgrund seiner Menschlichkeit in der Heldensaga sehenswert. Dabei ist der Director’s Cut noch um einiges mitreißender, weil er durch seine größere Direktheit (mehr Blut, mehr nackte Haut, mehr Zeit für die Charaktere) tiefer geht als die Kinofassung. Für Genrefans eine Empfehlung.

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Just A Kiss (Ae Fond Kiss)

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , on Dienstag, 25. November 2008 by mediensucht

Da mir gerade wieder die Zeit fehlt, hier eine ältere Kritik zu Just A Kiss:

Mit der Moralkeule

kiss11Pakistani Casim Khan (Atta Yaqub) ist DJ in Glasgow. Seine Familie hängt trotz jahrzehntelagem Fernsein der Heimat sehr an den alten Traditionen. Casim soll in wenigen Wochen eine Cousine, die er noch nicht kennt, heiraten und mit ihr in einen neuen Anbau des Familienwohnsitzes ziehen. Doch er lernt die Lehrerin Roisin Hanlon (Eva Birthistle) kennen, die an einer katholischen Schule Musik lehrt und Casims Schwester Tahara (Shabana Bhaksh) unterrichtet. Casim hat nun neue Pläne und kommt in Konflikt mit seiner konservativen muslimischen Familie. Auch Roisin bekommt trotz Fachkompetenz Ärger mit den Institutionen auf Grund ihrer nicht-katholischen Lebensweise …

Regisseur Ken Loach lässt in Just A Kiss zwei unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen. Wie etwa auch in Kick It Like Beckham wird uns eine Einwandererfamilie aus dem mittleren Osten (diesmal Pakistan) näher gebracht, die mit Identitätsproblemen zu kämpfen hat. Die ältere Generation ist noch sehr mit den alten Traditionen verhaftet. Die jüngere, in Schottland geborene Generation gerät auf Grund der neuen westlichen Einflüsse in Konflikt mit den Eltern. Auf der anderen, der urbritischen Seite steht der konservative Katholizismus.

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Schon in der ersten Szene will uns Loach die Probleme der Einwandererkinder verdeutlichen. Er lässt Tahara einen Vortrag über ihre Probleme mit ihren Klassenkameraden halten. So wie hier legt er seinen Protagonisten den ganzen Film lang belehrende Worte in den Mund, um seine Botschaft zu verdeutlichen. Darunter leiden teilweise Logik und Dialogklima. Diese Moralkeule wird bis zum Ende des Filmes immer größer. Anfangs versucht Loach die mittelasiatische Leichtigkeit, die eben Kick It Like Beckham trotz aller Probleme so ausgezeichnet hat, zu übernehmen. In einer recht witzigen Szene beispielsweise durchschreitet das Familienoberhaupt beim Abgehen der Anbauabmessungen die Blumenbeete. Diese Lockerheit wird später leider von jener Moralkeule völlig zerschlagen.

Das Thema „eine Liebe zwischen zwei Kulturen“ ist nicht neu und Ken Loach kann ihm leider auch keine neuen Aspekte abgewinnen. Der Film ist recht konventionell und vorhersehbar. Vielleicht hätte Loach etwas mehr wagen sollen, wie es beispielsweise Fatih Akin mit Gegen die Wand gemacht hat. Anzurechnen ist Loach, dass er dem muslimischen Konflikt einen katholischen gegenüberstellt und so auch die traditionelle Verbohrtheit dieser Religionsgruppe aufzeigt. Vielleicht wollte er als Nichtpakistani aber nur nicht mit Einseitigkeit anecken.

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Am Ende siegt natürlich die Liebe über festgebackene Traditionen ohne dass die Liebenden wie bei Romeo und Julia sterben. Loach lässt seine Figuren viele Vorurteile ausleben und die zwei Verliebten dagegen ankämpfen. Mir brachte der Film nichts Neues, ich denke aber schon, dass Leute, die bisher noch keinen Film aus diesem Umfeld gesehen haben (Monsoon Wedding, Kick It Like Beckham, …), durchaus etwas über die nahe, aber fremde Kultur lernen können. Und das kann in Anbetracht der aktuellen Lage (in Deutschland gibt es immer mehr Inder und Pakistani – deren Musik wird populärer – man geht bei ihnen essen) nicht schaden.

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