Archiv für No Country For Old Men

Die Oscars 2008 – Ergebnisse und Kommentar

Posted in Cinemanie, Geschwätzigkeit with tags , , , , , on Montag, 25. Februar 2008 by mediensucht

Die Oscars 2008 – Ergebnisse und Kommentar

Letzte Nacht wurden in LA die 80. Academy Awards (Oscars) vergeben. Durch die Veranstaltung führte wie vor zwei Jahren schon Jon Stewart, der seinen Job gut machte, wenn auch die Überraschungsmomente fehlten. Er war zwar witzig, frühere Hosts wie Billy Crystal oder Ellen DeGeneres boten meist mehr Show. Überhaupt verlief diese kleine Jubiläumsshow in viel zu geordneten Bahnen: leicht angestaubt und ohne den großen Glanz. Oft wurden nur zusammengeschnittene Rückblicke aus den letzten 80 Jahren präsentiert. Auch die Ergebnisse blieben ohne große Überraschungen:

Beste visuelle Effekte: The Golden Compass
Die Entscheidung geht in Ordnung. Die Effekte in The Golden Compass waren ausreichend komplex und sahen gut aus. Eine Preisvergabe an Pirates Of The Caribbean 3 oder Transformers wäre aber auch vertretbar gewesen.

Bestes Make-Up: La Vie En Rose
Das Make-Up in La Vie En Rose fand ich etwas „zu dick“ aufgetragen. Mehr Arbeit gab es sicher mit Eddie Murphy in Norbit. Bei Pirates Of The Caribbean 3 kann man nicht sicher sein, wieviel des Sichtbaren aus dem Computer kam. Die Entscheidung geht in Ordnung.

Bester Filmschnitt: Christopher Rouse für Das Bourne Ultimatum
Hier hätte ich für No Country For Old Men entschieden, schon allein, um zu sehen, wer nun als Roderick Jaynes auf die Bühne kommt. Der Schnitt in Das Bourne Ultimatum war insofern suboptimal, weil man teilweise nicht mehr gesehen hat, was passiert, da der Film viel zu schnelle Schnitte auswies.

Bestes Kostümdesign: Alexandra Byrne für Elizabeth – Das goldene Königreich
Das ist wohl die richtige Wahl. In der Ausstattungsorgie Elizabeth – Das Goldene Königreich waren selbstverständlich auch die Kostüme pompös und zeitgemäß.

Bester Song: Glen Hansard und Marketa Irglova mit Falling Slowly aus Once
Angesichts der schnulzigen Konkurrenz ist die Entscheidung die einzig richtige. Falling Slowly ist hier noch der sympathischste Song. In dieser Kategorie regierte mal wieder „Schmalz überall“.

Beste Filmmusik: Dario Marianelli für Abbitte
Marianelli wäre auch meine Wahl gewesen. Der Score zu Abbitte ist nicht nur wunderschön, er unterstützt auch die Handlung exzellent. Schon der Anfang mit den eingebetteten Tippgeräuschen ist brillant.

Bester Ton und bester Tonschnitt: Das Bourne Ultimatum
Zwei für den Film wichtige, für den Zuschauer aber weniger nachvollziehbare Kategorien. Die Entscheidungen gehen aus meiner Sicht in Ordnung.

Bestes Szenenbild: Sweeney Todd
Der einzige Preis für Sweeney Todd, der allerdings vertretbar ist. Dante Ferretti ist bekanntlich ein Könner! Ich mag das Aussehen von Burtons Filmen sowieso sehr und auch Sweeney Todd sieht wunderbar morbide und atmosphärisch aus. Schade, dass hier nicht Across The Universe nominiert war, dem ich einen Überraschungserfolg gegönnt hätte.

Beste Kamera: Robert Elswit für There Will Be Blood
Für mich eine unverständliche Entscheidung. Roger Deakins wäre für Die Ermordung des Jesse James … oder für No Country For Old Men ein würdiger Preisträger gewesen, der für beide Filme fantastische Bilder produzierte. Selbst Seamus McGarvey hätte man für seine großartigen Bilder in Abbitte würdigen können. Elwit ist dagegen nicht sehr variabel in seiner Bebilderung – Hauptsache lange Einstellungen! An Licht und Farbe hätte man dagegen noch arbeiten können!

Bestes Originaldrehbuch: Diablo Cody für Juno
Da ich nur zwei Filme der Kategorie sah, glaube ich mal dem kleinen Hype um Juno. Geht wohl in Ordnung.

Bestes adaptiertes Drehbuch: Ethan und Joel Coen für No Country For Old Men
Würdige Preisträger, da ich bekanntlich den Film sehr mag. Hätte mich aber auch über einen Sieg von Abbitte gefreut.

Bester animierter Film: Ratatouille
Eigentlich konkurrenzlos. Persepolis hatte nur Außenseiterchancen. Richtige Entscheidung!

Beste Nebendarstellerin: Tilda Swinton in Michael Clayton
Das ist für mich ein kleiner Skandal. Hier durfte es nur eine Siegerin geben: Cate Blanchett als Bob Dylan in I’m Not There. Ich weiß nicht, was hier die Academy geritten hat, dass sie der genialen Blanchett den Preis verweigerte!

Bester Nebendarsteller: Javier Bardem in No Country For Old Men
Keine Überraschung, aber eine durchaus verdiente Würdigung. Eine beängstigend gute Leistung.

Beste Hauptdarstellerin: Marion Cotillard in La Vie En Rose
Überraschend, aber nicht unverdient. An Cotillard lag es nicht, dass der Film scheiterte. Eine Beeindruckende Leistung als Edith Piaf. Ich hätte den Oscar aber auch der brillanten Cate Blanchett in Elizabeth – Das Goldene Königreich gegönnt.

Bester Hauptdarsteller: Daniel Day-Lewis in There Will Be Blood
Mit diesem Tipp hätte man kein Geld verdienen können. Nach landläufiger Meinung eine brillante Leistung von Day-Lewis, der mich aber immer wieder an seine Rolle als „Bill The Butcher“ in Gangs Of New York erinnerte. Ich hätte mich für Viggo Mortensen in Tödliche Versprechen gefreut!

Bester fremdsprachiger Film: Die Fälscher (Österreich)
Eine kleine Überraschung, da der Film insgesamt nicht so herausragend war. Leider werden deutschsprachige Filme durch solche Entscheidungen immer auf Nazi-Themen reduziert. Freue mich aber für Ruzowitzky!

Beste Regie: Ethan und Joel Coen für No Country For Old Men
Brillante Arbeit für einen wunderbaren Film. P.T. Anderson hätte es aus meiner Sicht nicht verdient gehabt. Die Coens waren schon immer genial.

Bester Film: No Country For Old Men
YES! Siehe Kritik! 😉

Die restlichen Kategorien möchte ich nicht kommentieren, da ich die entsprechenden (Kurz-) Filme nicht gesehen habe. Fazit: Ein verdienter Gesamtsieger (No Country For Old Men) einer mäßigen Veranstaltung!

No Country For Old Men

Posted in Cinemanie with tags , , , , , , , , , on Mittwoch, 20. Februar 2008 by mediensucht

Live free or die hard

noc1.jpgIm wilden Westen wird man nicht alt. Sollte das versehentlich doch einmal der Fall sein, fragt man sich, was man im Leben erreicht hat, wieso man ausgerechnet in dieser staubtrockenen, heißen und unwirtlichen Gegend leben musste, warum man sich so derartig gequält hat. Letztendlich bleibt nicht viel übrig an Sinnhaftigkeit. Wie schön wäre es da, mal eben einen Koffer mit zwei Millionen US-Dollar zu finden, die eine Flucht aus der Ödnis ermöglichen. Um diesen Koffer voller Geld zu verteidigen, würde man alle Grenzen überschreiten …

No Country For Old Men spielt 1980 im Süd-Westen von Texas. Der neue Film von Joel und Ethan Coen basiert auf dem Roman gleichen Titels von Pulitzer-Preisgewinner Cormac McCarthy. Llewelyn Moss (Josh Brolin) ist in der texanischen Steppe unterwegs. Er kommt an den Schauplatz eines fehlgeschlagenen Drogengeschäfts im großen Maßstab – viele Leichen und ein Koffer voller Dollar. Moss nimmt sich den Koffer und wird fortan gejagt. Unter den Jägern befindet sich auch Anton Chigurh (Javier Bardem), der sich als äußerst hartnäckig herausstellt. Eine blutige Hetzjagd beginnt.

Der Film ist eine schräge Mischung aus brillanter Action, abgrundtiefem Humor und philosophischen Einlagen. Für letztere ist hauptsächlich Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) verantwortlich. Er versucht Licht ins Dunkel zu bringen, ergeht sich aber meist in sarkastischen Sprüchen und philosophischer Sinnsuche. Man könnte fast behaupten, jeder Satz sei ein Lacher, wenn nicht selbiger einem im Halse stecken bleiben würde beim Grübeln über die tiefere Bedeutung des Gesagten.

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Bedeutung. Sinn. Bei den Coens hat für gewöhnlich alles einen Sinn. Grundlage schaffen eine penible Vorbereitung, großes Hintergrundwissen und eine präzise Vorstellung, wie eine Szene auszusehen hat. Die bildliche Umsetzung lag wiederum bei Roger Deakins, der völlig zurecht neben seiner Arbeit für Die Ermordung des Jesse James … auch für seine fantastischen Bilder in No Country For Old Men eine Oscarnominierung erhielt. Die Verfolgungsjagden sind äußerst spannend inszeniert. Zuweilen geht es sehr brutal und blutig zu. Die Coens schaffen es aber hervorragend, die Balance zwischen Action, zynischem Humor und Philosophie zu halten. Neben vielen Filmzitaten finden sie auch hier ihren so eigenen und typischen Stil.

Ein typisches Merkmal in Coen-Filmen ist stets auch die leichte Überzeichnung der Figuren. Besonders faszinierend in No Country For Old Men ist die Figur des Psychopathen Anton Chigurh. Dieser Irre ist ein wandelndes Pulverfass, bei dem selbst ein normales Gespräch mit einem Tankwart zur Zerreißprobe wird. Aus diesem stoisch blickenden Mann mit Märchenprinz-Frisur kann die Gewalt ganz unvermittelt herausbrechen. Er bleibt mit seinen seltsamen Prinzipien stets mysteriös und Bardem versteht es ausgezeichnet, ihn nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.

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Die Coens spielen mit den Erwartungen des Zuschauers. Werden sie anfangs noch großherzig erfüllt, wird der Seher gegen Ende an der Nase herumgeführt. Höhepunkt dieses Spiels bildet der Schluss, den man so sicher nicht erwartet hätte. Neben Witz, Action, Suspense und Bildgewalt setzen die Coen also auch auf Verwirrung, aus der in den meisten Fälle ein Sinn erwächst, da sie zum Nachdenken anregt.

Nach dem etwas schwächeren Ladykillers ist No Country For Old Men nun das sehnlich erhoffte Meisterwerk. Dieser brillante Neo-Western versammelt die Stärken seiner Macher: den Humor aus The Big Lebowski, die Bildgewalt aus Millers Crossing, die Brutalität aus Fargo oder Blood Simple und das Verschrobene aus O Brother, Where Art Thou?. No Country For Old Men ist ein cineastischer Hochgenuss par excellence!

10/10 Pillen zur Entwöhnung

(auch auf kino.de)