Zur Qualitätsdebatte um das deutsche Fernsehen

Alle Welt – naja, zumindest die deutschen Feuilletons – regen sich über die Qualität des deutschen Fernsehens auf. Marcel Reich-Ranicki wird als Held gefeiert, der sich der Verblödung des TV entgegenstellt. Dass die Qualität der Fernsehlandschaft zu wünschen übrig lässt, ist allerorts unbestritten. Bezüglich der Ursachen wird gestritten. Über eines müssen wir uns aber im Klaren sein: Über das, was im TV gesendet wird, entscheiden die Senderchefs nicht wirklich. Der Zuschauer hat die Fernbedienung in der Hand … und ist zu blöd, damit umzugehen.

Auch beim Fernsehen herrscht die Marktwirtschaft, das Programm unterliegt demzufolge auch Angebot und Nachfrage. Immer wieder versuchen es auch intelligentere Formate auf dem Markt, werden aber vom Zuschauer nicht nachgefragt. Realityshows und einfältige Comedy-Serien haben dagegen hohe Einschaltquoten. Leider kommen die öffentlich rechtlichen Sender seit Jahren ihrem Sendeauftrag nicht nach und versuchen, die privaten Sender zu kopieren, anstatt die Qualität hochzuhalten. Die immensen TV-Gebühren werden lieber in dämlichen Shows (Wetten, dass …? gehört inzwischen leider auch dazu) verpulvert.

Sehen wir der Realität ins Auge. Solange der Zuschauer nicht bereit ist, Qualitätsfernsehen mit höheren Einschaltquoten zu belohnen (die schrägen Kriterien der Quotenmessung sind ein anderes Thema), können wir ewig auf besseres Fernsehen warten und debattieren. Der Bildungsbürger verzichtet immer mehr auf`s Fernsehen und weicht auf andere Medien aus. Leider sieht es in den Kinos auch nicht besser aus. Im Endeffekt wird RTL-Chef Zeiler Recht behalten, wenn er sagt, die Aufregung um Reich-Ranicki sei irrelevant. Das ist nur ein Strohfeuer. Warum sollte die gesellschaftliche Verblödung ausgerechnet vor dem Fernseher halt machen?

Um nicht völlig schwarz zu malen, noch ein paar Worte zur Ehrenrettung des Fernsehens. Noch gibt es gute Sendungen im TV. Einige brillante Serien aus den USA schaffen es immer wieder nach Deutschland, auch wenn das Terrain immer schwieriger wird. Auch in Deutschland produziertes Fernsehen kann sich sehen lassen. Viele deutsche Krimiserien der Öffentlich-rechtlichen sind hervorragend gemacht und an deutschen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen wie dem heute-journal können sich auch die Amis eine Scheibe abschneiden. Ab und zu steht eben „öffentlich-rechtlich“ noch für Qualität.

Der Auslöser für die Debatte, die Preisverleihung an Reich-Ranicki, wirft Rätsel auf. Wer kam auf die seltsame Idee, einem Literaturkritiker, der vor einiger Zeit mal eine kleine Sendung im Spätprogramm des ZDF hatte, einen Fernsehehrenpreis zu verleihen? Gibt es nicht genügend verdiente Fernsehschaffende? Hat man dem Produzenten der Show ZDF Zugeständnisse machen müssen? Es muss doch klar gewesen sein, wie ein Literaturfan, der kaum vor dem Fernseher sitzt, reagiert, wenn ihm die Essenz des Blöden in ausführlicher Art und Weise dargeboten wird. Den Schock Atze Schröder muss man als 88-Jähriger erst mal verkraften. Amüsant war es dennoch, bei der Rede von Reich-Ranicki die entsetzten Gesichter einiger sogenannter „ Stars“ des deutschen Fernsehens zu sehen. Am Ende kann man sich aber nur so helfen: Gezielt fernsehen oder gar nicht erst die Glotze einschalten.

Bilder: Welt, Spiegel (dpa)

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5 Antworten to “Zur Qualitätsdebatte um das deutsche Fernsehen”

  1. Die öffentliche Klatsche vor laufenden Kameras, ins Gesicht von vielen, die uns schon via Bildschirm geärgert und uns Zeit gestohlen haben – dafür bin ich MRR von Herzen dankbar und könnte ihn nach wie vor küssen. Die Gesichter waren unbezahlbar.

  2. In der Tat sind diese Gesichter unbezahlbar. Ändert aber nichts an der ziemlich skurrilen Berichterstattung darüber in letzter Zeit …

  3. Ich komme gerade von der TV-Dame rüber, und du bemühst ja ähnliche Argumente wie sie (und wie ich im Übrigen ja in Teilen auch). Ich fände es jetzt doch ein wenig präentiös den Kommentar, den ich eben bei ihr verfasst habe, noch mal hier einzufügen (Bin aber gleichzeitig auch zu faul um einen neuen zu Schreiben), also verstehe meinen Kommentar bei der TVDame doch bitte auch gleichzeitig als Replik auf deinen amüsanten Artikel. 😉

  4. Jap, Zustimmung zu Deinem Kommentar bei der tvdame. Die Sachverhältnisse sind natürlich komplexer, als dass man sie in einem kurzen Beitrag ausreichend analysieren könnte. In dem, was wir schreiben, stimmen wir aber in etwa überein. Zuschauer UND Programmdirektoren (eigentlich auch noch die Sponsoren, Werbenden, Industrie, Politik etc.) bestimmen das Programm. Reich-Ranicki hat mit dem aktuellen Fernsehen so viel zu tun wie der Papst mit einer Pornomesse, so als ob Dieter Bohlen wegen seines dämlichen Buches einen Preis für sein Lebenswerk vom Börsenverein des deutschen Buchhandels erhalten würde.

  5. […] auf ProSieben Glauben schenken darf. Zu meinem Erstaunen gab es kurzzeitig tatsächlich mal eine Diskussion über die Qualität im deutschen Fernsehen. Es wurde fröhlich analysiert und Schuld zugewiesen, um […]

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