Coelho vs. Coelho

Heute wird mal wieder einer ziemlich vernachlässigten Sucht gefrönt – der Lesewut:

Paolo Coelho gehört zu den 10 meistgelesenen Schriftstellern der Welt. Der brasilianische Bestsellerautor wurde einem größeren Publikum bekannt durch das 1988 erschienene Buch Der Alchimist (in Deutschland 1991 zuerst unter dem Namen Der Schatz der Pyramiden – oder die Reise ins Meister-Bewusstsein veröffentlicht), das sich bisher rund 30 Millionen mal weltweit verkaufte und damit Coelhos erfolgreichstes Werk ist. Um es kurz zu machen: Ich war nicht sonderlich begeistert von Der Alchimist, las aber im Anschluss Coelhos Roman Veronika beschließt zu sterben, der mich wieder versöhnlich mit dem Brasilianer stimmte. Wie die meisten Werke Coelhos haben auch die zwei Bücher autobiographische Züge.

alchimist.jpgDer Alchimist erzählt die Geschichte vom jungen Andalusier Santiago, der entgegen des Rates seines Vaters, Priester zu werden, Schafe hütet. Nachdem er mehrfach von einem Schatz bei den Pyramiden in Ägypten träumt, verkauft er seine Schafe und reist nach Afrika. Dort seiner Habe beraubt, schließt er sich einem Alchimisten an, um durch die Wüste zu gelangen. In einer Oase verliebt Santiago sich in eine „Wüstenfrau“, geht aber dennoch weiter seinem Vorhaben nach, den Schatz zu finden. Die Geschichte ist voller religiöser und mystischer Symbolik. Coelho benutzt hier das philosophische Konzept der Weltenseele (Anima Mundi) und beschreibt es in allen möglichen Varianten. Dabei ist er trotz der ca. 200 Seiten so redundant in seiner Erzählung, dass das Buch streckenweise nur langweilt. In einer relativ einfachen Sprache beschreibt Coelho den naiven Selbstfindungstripp seines Protagonisten und wiederholt dabei die immer gleiche Aussage über Liebe und Weltenseele. Mag sein, dass ein einfach gestrickter Geist dem Buch etwas abgewinnen kann, mir war es in seiner Aussage zu simpel, in seiner Symbolik zu naiv und insgesamt zu esoterisch und religiös.

veronika.jpgWie das genaue Gegenteil mutet da Veronika beschließt zu sterben an. Veronika fehlt es an nichts, sie ist aber unfähig, „für sich“ und ohne gesellschaftliche Zwänge zu leben, weshalb sie beschließt zu sterben. Der Selbstmordversuch misslingt. Veronika wird in die slowenische Psychiatrie eingewiesen, wo die Ärzte ihr erklären, sie werde innerhalb einer Woche an den Folgen ihres Medikamentenmissbrauchs sterben. Veronika kommt in Kontakt mit den Insassen von „Vilette“ und spürt zum ersten Mal, was es heißt zu leben. Dieser Roman ist schon rein inhaltlich viel komplexer als Der Alchimist. Als politischer Hintergrund dient der Jugoslawienkonflikt und die Unabhängigkeitserklärung Sloweniens. So ist der Abschiedsbrief von Veronika eine Beschwerde über einem Zeitungsartikel, in dem gefragt wird „Wo liegt Slowenien?“. Zuallererst ist das Buch aber eine bitterböse Gesellschaftskritik. Es geht um Verrücktheit und den gesellschaftlichen Umgang damit. Was ist verrückt und was ist normal? Coelho beschreibt die Schicksale der Psychiatrieinsassen, erzählt vom Verhalten der Angehörigen. Im Endeffekt handelt der Roman auch (wie schon in Der Alchimist) vom Lebenswillen und Lebenssinn, doch geht Coelho hier viel subtiler ans Werk, erzählt abwechslungsreicher und interessanter.

Nach der Enttäuschung mit Der Alchimist war ich von Veronika beschließt zu sterben äußerst positiv überrascht. Paolo Coelho wird gewiss noch eine Chance von mir erhalten. Die Lektüre eines weiteren Buchs von ihm muss aber warten, da ich momentan einen Roman von Haruki Murakami lese, von dem ich bis jetzt sehr angetan bin.

Der Alchimist: 4/10
Veronika beschließt zu sterben: 8/10

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