Free Rainer – Hans erklärt uns die Welt

*leichte Spoilerwarnung*

Fernsehen macht blöd! Das wurde sogar schon wissenschaftlich bewiesen! Beim Fernsehen werden wichtige Regionen im Gehirn gar nicht bedient und verkümmern. Was die Probanden bei solchen empirischen Versuchen zu sehen bekamen, ist mir nicht bekannt. Vielleicht war es der neue Film von Hans Weingartner als TV-Version?!

Ausschlaggebend ist doch, was man im TV sieht und wie lang man vor der Glotze hängt. Die Entscheidung liegt bei jedem Einzelnen selbst, was er sich anschaut. Zur Not kann man ja ausschalten. So weit ich weiß, gibt es in Deutschland keine Fernsehpflicht. Viele Sendungen im TV sind deshalb genauso blöd wie ihr Publikum. Wie viele solche Zuschauer eine Sendung hat, wird in Deutschland durch die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) über eine kleine „repräsentative“ Gruppe vom Menschen ermittelt und als Einschaltquoten veröffentlicht. Zu dieser Gruppe gehören nur Gebührenzahler. Studenten oder Arbeitslose (was „nur“ einige Millionen sind) werden vernachlässigt. Die Zahlen sagen also nur etwas über Quantität aus, nicht über Qualität.

Hans Weingartner, Regisseur von Die fetten Jahre sind vorbei und Das weiße Rauschen, nimmt sich nun dieses Themas an und verarbeitet es in der sogenannten Mediensatire Free Rainer. Er schiebt die Verblödung der Massen auf deren TV-Konsumverhalten. Den Erfolg von sinnfreien Sendungen misst er deren hoher Einschaltquoten und der Gewöhnung der Massen an diesen Schund zu. Eine Lösung des Problems wäre also die Manipulation der Quote. Wenn Wissenssendungen höhere Einschaltquoten hätten, würden sie die Massen zum Sehen selbiger verleiten. Wenn eine Trashsendung keine Quote hätte, würden die Leute eher abschalten. Ja, hier macht es sich Weingartner sehr einfach. Er ignoriert wichtige andere Faktoren. Die Vereinfachung ist aber Konzept.

Rainer (Moritz Bleibtreu) ist erfolgreicher TV-Produzent. Jedes Klischee eines Fernsehmachers trifft auf ihn zu: Drogen, Sex, schnelle Autos usw.. Seine Sendungen sind der reinste Trash. Nach einem Unfall kommt der urplötzliche Sinneswandel. Rainer will nun Bildungsfernsehen machen und scheitert. Mit einer kleinen Guerillatruppe nimmt er mittels Quotenmanipulation Rache und wie durch ein Wunder – Deutschland wandelt sich. Die Menschen lesen auf sonnigen Wiesen, diskutieren in intellektuellen Gesprächsrunden, schauen Politmagazine oder Die fetten Jahre sind vorbei (!).

Genauso klischeehaft, wie es sich hier liest, ist auch der Film umgesetzt. Weingartner praktiziert genau das, was er den TV-Sendern vorwirft. Er verkauft sein Publikum für blöd, strapaziert ein Klischee nach dem anderen und gibt den „Erklärbären“. Keine Spur von Subtilität oder Raffinesse. Der Zuschauer erkennt schon am Anfang einer Szene, wie sie endet. Es gibt nahezu lächerliche Szenen, wie beispielsweise das Streitgespräch von Rainer mit seinem Chef, dass in einer übertriebenen Brüllarie endet.

Völlig daneben ging auch die Liebesromanze des Films. Ernstere Szenen sind mit einem schmalzigen Klaviergeklimper unterlegt. Die Chemie zwischen den Darstellern stimmt schlechtweg gar nicht. Überhaupt ist die weibliche Hauptrolle mit Elsa Sophie Gambard fehlbesetzt. Von ordentlicher Schauspielerführung keine Spur. Alles wirkt grob, ohne jedes Gefühl für Feinheiten – wie es eben im kritisierten TV auch täglich zu sehen ist.

Weingartners Klischee-Overkill macht auch vor den Randgruppen der Gesellschaft nicht halt. Die Arbeitlosen saufen, der trottelige Inder ist sich für keine Arbeit zu schade, der Computerspezialist ist ein sozialer Außenseiter mit Verschwörungstick. Die einzige Frau in der Gruppe hat ausgerechnet durch die bösen Medien ihren Opa verloren und ist dann in den sozialen Abgrund gefallen.

Immerhin sind einige Szenen des Films tatsächlich witzig, so dass man ab und zu von „sinnfreier Unterhaltung“ sprechen kann, der Rest des Films ist eine Beleidigung für den Zuschauer. Das Thema wurde geradewegs verfehlt. Dieser Film hebt sich keinen Millimeter von einem plumpen TV-Film ab. Im Gegenteil! Wenn Weingartner glaubt, mit solchen Filmen die Welt retten zu wollen: Gute Nacht!

nur 2/10 Pillen zur Entwöhnung

(ebenfalls auf kino.de)

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2 Antworten to “Free Rainer – Hans erklärt uns die Welt”

  1. Sehr schön, hätte es nicht besser sagen können. Ich finde Weingartner seit „Das weiße Rauschen“ unerträglich und hatte selber mit 21 eine Mediensatire in der Mache, war mir dann aber doch zu blöd und unterkomplex. Der Weingartner machts einfach… Der Film fällt nicht nur hinter Kamikaze 1989″ mit Fassbinder zurück, sondern sogar hinter „Running Man“ mit Schwarzenegger…

  2. […] 154. Free Rainer – Dein Fernseher lügt (Hans Weingartner) Weingartner bietet genau das, was er am TV kritisiert: dummen Trash! Das reicht für 2/10 Kritik hier. […]

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